Das Geschenk

(Manuskriptentwurf)

HANNOVER 2011/2012

And death shall have no dominion.
Dylan Thomas

Vom Wesen der Wörter und der letzten Chance

Am Anfang war nicht das Wort, am Anfang war ein Ton, ein Klingeln oder ein Knall. Es gab diese ungeheure Energie und Kraft, die unvorstellbar den Impuls hatte, sich zu veräußern, geistig und materiell geboren zu werden. Die Lebewesen eines Milliarden Jahre später entstehenden blauen Planeten nannten diese geheimnisvolle Form auch Gott oder Universum. Aber diesen Knall gab es nicht wirklich, man nannte ihn nur so, mit einem „Ur“ davor. Gehört hatte ihn ja niemand. Ich selbst glaube weder an Gott, noch an eine bestimmte Religion. Ich bin mir nur sicher, irgendwann wieder Teil jener unbekannten Quelle zu werden, aus der ich hervorgegangen bin. Während meines Lebens war ich nie etwas anderes als dieses ionenhafte, nichtstoffliche Zeichen und werde auch nie etwas anderes sein. Ein dahinfließender Schatten, ein Tropfen Tau an einer Grashalmspitze oder ein Stein unter einem Strauch, von dem der Regen meinen Namen waschen wird.
Jedes Wort eines Menschen ist wie ein Sandkorn am Strand. Wie könnte es die ganze Geschichte des Meeres erzählen? Was weiß ein Sandkorn vom Rauschen der Wellen oder dem Wind in den Segeln der Schiffe? In diesem Sinne bleiben alle Wörter stumm wie Fische. Aber mit jedem Satz, mit jeder Welle, die über es hinwegrollt, verwandelt das Wasser jenes Sandkorn wieder zu einem Tropfen des Meeres, zu einem Teil der Geschichte.
Ich wurde in der Mitte der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts geboren. Manchmal blättere ich in einem Fotoalbum meiner Familie aus jener Zeit. Heute ist es eine nostalgische Erinnerung, die längst verloschene Gestalten wieder auferstehen lässt. Diese alten Fotografien geben meiner Kindheit und der damaligen Zeit eine gewisse Lebendigkeit. Ich hätte im Alter von 55 Jahren sterben können, ohne sie noch einmal gesehen zu haben und ohne dass sie einer der Anlässe waren, das folgende zu schreiben. Ich will Ihnen sporadisch aus meinem Leben erzählen, soweit man über sein Leben überhaupt etwas wissen oder sogar erzählen kann. Eins ist sicher, Bücher können andere durchblättern, das Leben muss jeder selbst leben, mal langsamer, mal schneller. Ich erinnere mich an meine Praxis bei YouTube-Filmen. Wenn es mir zu uninteressant wurde, habe ich einfach die Computermaus genommen und auf dem Abspielband einen anderen Punkt gewählt, weiter zum Ende hin oder ich habe meinen PC ganz abgeschaltet. Wenn man die letzte Seite eines Buches erreicht hat, schlägt man es endgültig zu und es findet sein Grab im Regal. Aber zugeschlagen werden wir alle, kein Grund zum Lamentieren. Wenn ich jetzt über mich selbst schreibe, kommt es mir so vor, als nähme ich ein Buch wieder aus dem Regal und wenn ich es aufschlage, ist alles wieder lebendig. Ich erstatte Ihnen nur Bericht. An mein Leben erinnere ich mich mehr oder weniger gut, zumindest an was ich mich daran erinnern will. Aus diesen Spuren, den Materialien der Vergangenheit, den Briefen und Fotoalben steigen die Dinge aus dem Gedächtnis wie Nebel auf und wollen erzählt werden. Wenn ich mir manchmal die zusammenhanglosen Fotografien auf der Festplatte meines Rechners per Diashow anzeigen lasse, kommt es mir so vor als betrachtete ich das Leben von Mikroben oder Ameisen, Chimären in wechselnder Gestalt, die das, was wir Leben nennen, weggewischt hat, wie die Zukunft alle Gegenwart zu Vergangenheit werden lässt. Es ist als ob die Dinge keine Heimat hätten, als ob nur ein Flimmern bliebe, ein Rauschen ohne Sinn.

Auch von meiner Krankheit will ich erzählen. Sie hat mein ganzes Leben bestimmt. Vielleicht beginnen wir einfach im Januar 2009, denn da geschah ein Einschnitt in meinem Leben, der mich nicht nur körperlich, sondern auch als Person ziemlich veränderte. Zu diesem Zeitpunkt war ich 55 Jahre alt und es ging mir schon sehr schlecht. Die bleierne Müdigkeit, mit der ich da lag, hatte ihren Grund: kryptogene Zirrhose der Leber und primär sklerosierende Cholangitis. Vierzig Jahre hatte ich mit diesen Krankheiten gelebt, aber jetzt half nur noch eine Lebertransplantation. Der Gedanke an diesen Eingriff hatte bei mir bisher nur einen Verdrängungsimpuls ausgelöst, davor die Augen zu verschließen und wegzulaufen. Drei Monate später hätte ich, wie gesagt, tot sein können.
Am Nachmittag eines Wintertages klingelte dann nach zwei Jahren Wartezeit das Telefon wie in der Eingangssequenz von Sergio Leones Film „Es war einmal in Amerika“. Erschöpft, müde und kraftlos lag ich auf dem gelben Sofa im oberen Stockwerk. Das Klingeln war wie ein Knall. Es sollte immer in meinen Ohren bleiben, wie in diesem die Zeiten verschmelzenden Film über mehrere Szenen hinweg, nachdem dort eine Frau brutal ermordet und die Kamera über verbrannte Leichen hinweg geschwenkt hatte. Keine Angst, dies wird eine eher langweilige Geschichte.
Sachlich berichtete der Arzt der Transplantationsambulanz, dass möglicherweise ein Organ für mich gefunden sei. Hätte ich weiter warten sollen? War das Erlösung, eine neue Hoffnung oder der Anfang vom Ende? Die Angst und der Zweifel zogen sich wie ein roter Faden durch die Wartezeit. Diese zermürbende Angst verband sich mit dem Wunsch, vielleicht doch ohne Operation davonzukommen.
Fliehen, vor sich selbst davonlaufen, Entscheidungen aufschieben konnte ich gut. Diesmal hatte ich aber keine Chance mehr zum Weglaufen, es war buchstäblich meine letzte am Leben zu bleiben. Ich selbst nahm das nicht so wahr oder wollte es nicht wahrnehmen. Der erste Anruf kam also nachmittags um 16 Uhr. Vielleicht nicht genau um 16:50 Uhr und die Abfahrt fand auch nicht in Paddington statt, aber dafür versprach man sich wieder zu melden und mitzuteilen, wann die Anreise erfolgen sollte. Ziemlich nervenaufreibende Stunden der Unsicherheit brachen an. Es konnte sich alles auch noch als blinder Alarm herausstellen. Irgendwo war also ein Mensch gestorben, aber nicht ohne mir völlig selbstlos etwas Wertvolles zu hinterlassen. Der Anruf löste überraschenderweise aber auch eine Ruhe und den Beginn einer Gelassenheit aus, die mich trotz aller Schwäche und Ängstlichkeit von diesem Augenblick an gefasst bleiben ließ. Die Kugel hatte zu rollen begonnen, die Maschinerie lief lautlos an einem anderen Ort. Das Organ musste entnommen werden und an seinen Bestimmungsort womöglich per Hubschrauber gebracht werden.

Der nächste Anruf zum sofortigen Aufbruch kam um elf Uhr abends. Der Rolli mit dem Nötigsten war gepackt, jetzt wurde der Krankentransport angerufen. Nach kaum einer Viertelstunde stand der große rotweiße Transporter des Arbeiter-Samariter-Bundes mit Blaulicht vor dem Haus. Zwei Sanitätskräfte meldeten sich und ich stieg ohne Hilfe in einen in der Mitte der Ladefläche angebrachten breiten Krankentransportsessel. In der vorderen Fahrerkabine setzte sich meine Frau auf den Beifahrersitz, hinten zu mir stieg der zweite Sanitäter. Eine halbe Stunde dauerte die Fahrt ins Krankenhaus. Die Aufregung ließ mich freimütig über meine Krankengeschichte erzählen und die Arbeitsbedingungen der Helfer waren ablenkende Gesprächsthemen. Zuerst ging es in die Notaufnahme zu einem kurzen Röntgencheck. Dann irrten die beiden Rettungskräfte auf dem riesigen Gelände hin und her, um die Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie zu finden, was kein leichtes Unterfangen war bei dem großen Gelände, das den Eindruck einer Kleinstadt vermittelte. Station 85 war nach einigem Suchen das Ziel, wo ich erneut aufgenommen wurde und wir uns von den beiden Männern des Krankentransportdienstes verabschiedeten.
Die Station machte einen ruhigen, beinahe leeren, nächtlichen Eindruck. Neben dem Neonlicht wurden wir von der diensthabenden, agilen Schwester und einem großen, kräftigen Pfleger mit gutmütigem Teddybär-Gesicht empfangen. Für sie war diese Ankunft Routine. Der Arzt sollte etwas später kommen. Uns wurde der Komfort eines zufällig freien Zweibettzimmers zum Warten angeboten, nachdem wir in einer Art Aufenthaltsraum einen Fragebogen ausgefüllt hatten. Die Schwester rasierte den Bauch gründlich, der schließlich eintreffende Arzt kontrollierte noch einmal per Ultraschall, ob das auszutauschende Organ noch seine bald überflüssig werdende Arbeit zumindest teilweise verrichtete. Ich wurde darüber aufgeklärt, dass das neue Organ zwar bereits eingetroffen sei, aber noch einer abschließenden eigenen Kontrolle der Klinik unterzogen werden musste. Nun sollte es, wenn es in allem den Anforderungen entsprach, seine Arbeit an anderer Stelle fortführen.

Ich glaube, bestenfalls wird man diese vergilbten Seiten irgendwann auf einem verstaubten Dachboden finden. Jemand kramt in alten Sachen und wird seltsam erschrocken sein. Alles wovon diese Hefte, in die ich schreibe und die ich nach den weißen Bänden einer Lichtenbergausgabe in einem meiner Bücherregale Sudelbücher nenne, werden Vergangenheit sein, so wie eine Liebe, die unweigerlich gestorben ist. Der Finder wird aufpassen müssen, dass aus den Bildern der Vergangenheit nicht eine Spur Traurigkeit aufsteigt, die ihn gefangen nimmt. So als ob sein Kopf vor Melancholie zu einem schweren Stein würde, wie es mir manchmal ergeht, wenn ich meine, mein Kopf würde herunterfallen wie ein abgeschlagenes Haupt. Einmal sah ich, wie meine Hände meinen Kopf vor den Bauch hielten, aus dem Halsstumpf tropfte Blut, aus meinen Augen liefen salzige Tränen. Manchmal spüre ich eine Schuld, von der ich mich nicht selbst befreien kann, etwas was ich mir selbst nicht verzeihen kann, aber davon später. Zunächst müssen die Bilder aus meinem Kopf plastischer werden. Wenn man sich mit Worten aufs Papier zeichnet steht das Wesentliche oft in ihren Zwischenräumen.
Bevor ich weiter von der bevorstehenden Operation berichte, will ich einen ersten Blick in mein Familienalbum werfen. Ohne Etymologie gibt es kein Verständnis, das scheint für Menschen und Wörter gleichermaßen zu gelten.

Ich schlage sie also auf, diese erste Seite des braungenarbten Fotoalbums aus Lederimitat. Die darin enthaltenen schwarzen Seiten werden immerhin am linken Buchrückenrand von einem echten Lederriemchen zusammengehalten, dem man sogar eine kleine goldene Schnalle spendiert hat. Die Fotos darin sind nach schnellem Durchblättern alle schwarzweiß und werden durch dünne halb durchsichtige Pergamentfolien geschützt. Das erste Foto zeigt eine große Hochzeitsgesellschaft. Manchmal glaube ich, auf diesen Fotos nicht das Wesentliche zu erkennen, aber je länger ich sie mir anschaue, desto mehr scheinen sie mir zu verraten oder sagen zu wollen.
Der Ausschnitt eines Fotos, das meine Eltern und mich selbst auf einem Ausflug zeigt, kommt mir plötzlich wie ein Gemälde oder eine Zeichnung von Edward Hopper vor. Zwei Damen bestaunen den Rheinfall bei Schaffhausen. Das Foto ist ein ganz gewöhnliches Urlaubsfoto meiner Eltern. Mein Befund: Massenware langweilig. Aber diese unbekannt bleibenden, geheimnisvoll ins Nichts schauenden Damen mit ihren strengen Frisuren jener Zeit. Beide tragen sie Handtaschen, die eine in Hut und Mantel ist vielleicht die Ältere oder gar die Mutter der anderen? Der Jüngeren wurde es zu warm, sie steht dort in weißer, ärmelloser Bluse, die Strickjacke unterm Arm. Sie werden für immer gesichtslos bleiben, ihre Gesichter dem schäumenden Wasser zugewandt. Was fasziniert mich, der Blick in den Abgrund oder das namenlose, gesichtslose Geheimnis?

Fotografien können sich nicht selbst mit Worten beschreiben, so werde ich sie in Bausteine oder Sandkörner eines zerrinnenden Buches verwandeln, wie das Sandbuch eines Argentiniers, das alles an sich zieht und über alles hinweg läuft. Fotos, Filme, Bilder, Erinnerungen, ich lebe im Meer meiner Gedanken, die sich mit meinem ganzem Leben beschäftigen und doch wird jede Beschreibung unzulänglich bleiben.
Ein Charakteristikum der Wörter ist ihre Unvollkommenheit.

Da gibt es auf einem Foto den geheimnisvollen Garten meiner Großmutter, und ich sehe mich als spielendes Kind im Wald. Aus weißen Steinen lege ich ein Mosaik im Schatten der Bäume. Ein Muster, das Monate später das Moos verschlingt. Das ahnungslose Spiel der Steine, das ganze Glück in einer Hand. Das Kind spielte schon damals mit seinen Steinen, als seien sie Kubricks Knochen. „What´s bred in the bone, cannot fail me to fly.” Doch es war unschuldig und erkannte im dunklen Geäst der Bäume noch nicht das Gekräusel magisch anziehender Dreiecke. Es baute eine kreisförmige Mauer, in der Haus und Garten ihren Platz fanden. Diese frühe Sehnsucht nach Schutz und Geborgenheit. Wie trügerisch angesichts der Zukunft. Spielend die Welt begreifend, wird man gleichzeitig selbst ungewollter Spielball in den Strukturen der Familie sein. Vermeintliche Unschuld trifft auf Gesellschaft. Die Sonnenstrahlen flimmern durch die dicken Stämme der Bäume hindurch und lindern das Dunkel des Waldes. Licht verwandelt alles.
Sollte ich nicht ganz am Anfang beginnen, mit meiner Geburt oder als Fötus im Mutterleib? Aber Anfang und Ende scheinen mir nur mathematische Punkte, die Zeit ist ein unaufhaltsamer Fluss der Verwandlung. Auf einer anderen Ebene verlor mein Körper später das Geheimnis der Stoffumwandlung, der Synthese, die ihm nicht mehr richtig gelang. Schon bei der Geburt verwandelt sich ein stummer Embryo zum schreienden Kind. Niemand erinnert sich an den ersten Schrei und weder ich noch meine Mutter können sich an meine ersten Worte erinnern.
Die Fotografien jener Zeit, als meine Eltern heirateten, sind schwarzweiß, die Menschen setzten sich damals in Pose. Das spontane Foto war verpönt, es kam höchstens bei Feierlichkeiten zum Einsatz. Die Hochzeitsfotos meiner Eltern, als ich noch unsichtbar im Bauch meiner Mutter nistete, gaben den ersten Anlass zu gestellten Gruppenfotos von der Hochzeitsgesellschaft aus Familie und Verwandten, der Dorfgemeinschaft und des Brautpaares.
Das vorherrschende Bestreben war es, nichts falsch zu machen, beziehungsweise das zu tun, von dem man annahm, dass die Nachbarn oder Freunde es erwarteten. Eingerahmt von fünf Blumenmädchen und einem Blumenjungen, der vor meinem Vater sitzend ich selbst hätte sein können, wenn ich denn schon geboren gewesen wäre, saßen meine zukünftigen Eltern im schwarzen zweireihigen Anzug und ganz traditionellem weißen Hochzeitskleid mit Schleier vor der Kulisse der vielen feierlich gekleideten Hochzeitsgäste Modell für einen unbekannten Fotografen. Eine Wiese und die kahle Wand eines grauen Hauses zwischen den Ästen zweier Bäume boten einen unspektakulären Hintergrund. Die Körper wirken steif, Haltung bewahrten die Gäste, meine zukünftigen Großeltern und meine spätere Oma mütterlicherseits, und auch das Brautpaar selbst. Vor allem mein schlanker jugendlich wirkender Vater, den ich selbst so nie kennengelernt habe, versucht einen strahlend, männlichen Eindruck zu hinterlassen. Einmal lachen sie glücklich in die Kamera, ein anderes Mal schauen sie etwas verdrießlich ernst. Meinen Großvater mütterlicherseits habe ich nie kennengelernt. Er war schon vor meiner Geburt an den gesundheitlichen Folgen aus dem Zweiten Weltkrieg gestorben, der wohl barbarischste Krieg der Menschheit. Die Deutschen waren das passende Volk für die Diktatur des Faschismus, in ihnen lag der Glaube an die führende Kraft einer militaristischen Haltung. Die restaurativen fünfziger Jahre lebten von der Verdrängung dieser Zeit, aber die Angewohnheiten einer strammen, bürgerlichen Haltung führten zu einer strengen Moral, die in Wahrheit aber nur vorgab, eine solche zu sein. Was weiter regierte war die Aufrechterhaltung des schönen Scheins.
Meine Eltern waren mit zwanzig Jahren ein junges, fast noch jugendliches Paar, das aber kurz nach dem Krieg geringe Chancen zu einer Berufskarriere hatte. Nach den strengen Schusterlehrjahren meines Vaters musste möglichst schnell eigenes Geld verdient werden. Mein Vater beschloss, als Arbeiter in einer Schuhfabrik anzufangen. Wie so viele Menschen nach dem Kriegsende blieb er damit weit hinter seinen eigentlichen beruflichen Wünschen und Möglichkeiten zurück. Frauen waren auch nicht besser dran. Meine Mutter begann als ungelernte Kraft ebenfalls in der Fabrik. Ich schlummerte nach der Hochzeit noch versteckt im Bauch meiner Mutter. Es war zu dieser Zeit ein Makel unehelich geboren zu werden und meine Mutter war psychisch vorbelastet, sie war selbst ein Adoptivkind gewesen. So wurde soziologisch gesehen wenige Monate nach der Hochzeit ein Arbeiterkind geboren. Ein weit verbreitetes und akzeptiertes Motto dieser sozialen Schicht war der auch von mir später oft gehörte Satz: „Du sollst es doch einmal besser haben als wir“. Für den so großzügig Bedachten hatte diese Maxime nur den Nachteil, dass sie von der Elterngeneration mit Gehorsam erkauft werden musste. Der korrespondierende Satz dazu lautete: „Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst, machst du was ich dir sage“. Die heilige Kraft der Worte.
Manchmal höre ich noch die Stimme meines Vaters. Der Klang der Worte in einer Familie kann ein Gefühl der Geborgenheit geben, zuhause zu sein. Die Stimme meines Vaters war damals fest, kraftvoll und bestimmend, in der Familie sollte ich später etwas von dem üblichen autoritären Erziehungsstil abbekommen. Die Stimme meiner Mutter dagegen war weich, mitfühlend, aber auch fatalistisch. Sie glaubte nicht so sehr daran, die Dinge ändern zu können und ergab sich in ihre untergeordnete Familienrolle und damit in ihr Schicksal. Mein Vater sieht schlank und kräftig aus, meine Mutter hübsch und attraktiv, aber durch die üblichen weiblichen Rundungen wirkt sie etwas weniger durchtrainiert.
Die Begrenzungen unseres Lebens, die Geburt und den Tod, erleben wir nicht wirklich. Sie liegen im Reich des Unbewussten, die Natur ist gnädig. Von meiner Mutter weiß ich, dass ich eine Hausgeburt von immerhin achteinhalb Pfund war. Was die Zahl angeht, traf ich damit unbeabsichtigt genau Fellinis Filmtitel. An der Hochzeit nahm ich also inkognito teil, nur einige wussten den Bauch meiner Mutter genauer zu interpretieren. Es gab den obligatorischen Brautstrauß, und mein Vater (das Familienoberhaupt herrschte über das Geld) warf gesammeltes Kleingeld in die Menge der Kinder. Die älteren Herren trugen Zylinder und Gehrock, die Braut zog eine von einem Mädchen getragene weiße Schleppe hinter sich her. Alles war feierlich und der Ablauf wie es sich gehörte. Man feierte auch am späten Abend noch und ließ das Brautpaar hochleben. Im Wohnzimmer halfen meine späteren Großeltern bei der Bewirtung der Gäste, was aber auch Aufgabe von eigens für den Anlass bestellten Küchenhilfen war. Meine Mutter wirkt auf einigen Fotos etwas angespannt und unwohl. War ihr der Wein zu Kopf gestiegen? Vor dem Essen an der Haustür hatte sie noch ein Sektglas hinter sich geworfen.
Brachten die Scherben wirklich Glück? Sie brachten auf alle Fälle nach wenigen Monaten mich und waren vielleicht gleichzeitig Vorboten für den Konflikt zwischen der neuen Schwiegertochter und meinen Großeltern väterlicherseits. Meine verwitwete Großmutter mütterlicherseits stand etwas am Rande. Warum ich sie später als einen Inbegriff von Güte, Geborgenheit und Warmherzigkeit empfand, mag daran liegen, dass ich in meinen ersten Lebensjahren in einem Bett mit ihr schlief. Die Nähmaschine dieser dann früh verstorbenen Oma war mein erstes Spielzeugauto, das Schwungrad mein Lenker, das Tretbrett mein Gaspedal. Spielerisch konnten sich die Dinge dem kindlichen Vorstellungsvermögen anverwandeln.
Worte ziehen die Ereignisse einer Zeit aus dem Meer des Vergessenen. Wir haben etwas verloren, um es später wiederzufinden. Wir tauchen in eine Vergangenheit, die weit hinter unseren Augen wartet und im Moment meines Schreibens bin ich der Taucher, der noch nicht weiß, was für Perlen oder nutzlosen Müll er aus dem Wasser heraufholen wird. Ein halbes Jahrhundert ist vergangen seit dieser Hochzeit meiner Eltern und die Fotos dieser Jahre haben einen romantisierenden, gezackten Rand, der den nostalgischen Reiz erhöht.
Es waren sehr viel ältere Leute anwesend, vielleicht hatten meine Eltern auch zu dieser Zeit keinen gleichaltrigen Freundeskreis. Die gestellte Formation einer kleinen Gruppe scheint damals zum Bildaufbau von Fotos gehört zu haben. Bei der Hochzeit sitzt das junge Brautpaar vor den Eltern, zehn Jahre später stehe ich als kleiner Hosenträgermann in der Mitte vor meinen Eltern. Aber zunächst musste ich selbst erst einmal das Licht der Welt erblicken. Norna begann im Hölderlinschen Sinne meinen Lebensfaden zu spinnen.
Ich selbst kann mich auch mit einem Spinner vergleichen, der oft den heraushängenden Faden seines Buches, das er liest oder schreibt, verlieren wird und seinen Anfang und Ende nicht kennt. Wie viele Sommer noch auf mich warten, weiß nur die gewaltige Morta:

„Nur einen Sommer gönnt, Ihr Gewaltigen!
Und einen Herbst zu reifem Gesange mir
Daß williger mein Herz, vom süßen
Spiele gesättiget, dann mir sterbe.“

Die Menschen sterben nicht zu einem Zeitpunkt, wo sich ihr Leben in irgendeiner Weise vollendet hat. Sie sterben, als ob sie jemand wahllos irgendwann aus einer Mitte reißt. Das Leben eines Säuglings oder Kindes kann schnell vorbei sein. Wo bleibt dann die menschliche Vollkommenheit, etwas geschaffen zu haben? Wir bestimmen nicht, was vollkommen ist. Vielleicht ist der erste Lichtstrahl, der das menschliche Auge trifft, schon ein Ausdruck der vollkommenen Natur und der Kreis ist damit bereits geschlossen. Neulich wurde in einem Film von Doris Dörrie ein buddhistischer Philosoph zitiert: „No beginning, no end.“ Ob wir wirklich keinen Anfang und kein Ende haben?
Jedes neugeborene Kind ist ein biologisches Zufallsprodukt, ich glaube nicht an eine Vorsehung oder ein vorherbestimmtes Schicksal. Ich halte es mit dem Existenzialismus: der Mensch ist in seinem Handeln frei. Der Cocktail seiner Gene mag ihn in seinen Anlagen determinieren, Gedanken, Gefühle und sein handelnder Wille aber bleiben frei.
Bei meiner Geburt war ich das genetische Endprodukt einer langen Kette von Vorfahren, aber meine nichtmaterialistische Seele kam von viel weiter her, sie erbte das ganze kollektive Gedächtnis der Menschheit, wenn man C. G. Jung glauben darf. Einige Fotos zeigen mich mit zwei Monaten auf einer Bank, eingehüllt in einer Decke liegend oder etwas älter im Kinderwagen, worauf ich in Analogie mit Karl Kraus sagen könnte: „Je näher man ein Wort (in meinem Falle jetzt das Baby) ansieht, desto ferner sieht es zurück.“ Das Ich eines Erwachsenen kann sich mit dem Kleinkind auf der Holzbank nicht mehr identifizieren. Außer dem Foto gibt es keinen Zusammenhang mehr. Die Zellen des Erwachsenen haben sich schon vielfach erneuert, das Bewusstsein hat keine Erinnerung mehr an das Kind von damals.

Ein großer Weidenbaum war einer unserer Kinderspielplätze. Er hatte breite ausladende Äste und war sehr hoch. Wir kletterten in ihm herum. Ein solcher Baum reicht mit seinen Wurzeln tief ins Reich unserer Gedanken und er wächst nicht ohne Wasser, was auch für uns galt. Die polnischen Soldaten haben die deutsche Armee aus Bäumen heraus im September 1939 bekämpft und auf dem Rücken von Pferden versuchten sie, den wahnsinnigen Diktator aufzuhalten. Schon von Kriegsbeginn an war die deutsche Wehrmacht grausam und unmenschlich. Es gab die ersten Massaker an der polnischen Zivilbevölkerung. Unser Baum aber war ein archetypisches Bild für das Leben, der kindlichen Kraft zu wachsen, zu spielen und der Natur nah zu sein. Mein Blick streift über meine alten Familienfotos, da hatte ich erst eine Größe, die bequem in einen Kinderwagen zu legen war, der um einiges größer war als ich selbst. Ich wurde getragen und gefahren, mit pausbäckigem Gesicht in Mantel und mit Mützchen auf einem Holztisch abgelegt. Ich scheine ein niedliches Kind gewesen zu sein und der Stolz meiner jungen Eltern, aber welches Kind war das nicht?

Die Zeit kommt mir unanständig und grausam vor, wenn ich diese alten Fotos aus meiner Baby- und frühen Kindheitszeit betrachte. Aber ich muss glücklich gewesen sein, ohne es zu wissen. Mein Vater und meine Mutter hielten mich abwechselnd auf dem Arm. Dann wieder saßen sie dabei auf einer rot silbernen Triumph BDG 250, meine Mutter auf dem Sozius dahinter. Jahre später würde er mit mir gemeinsam wieder fahren, nebeneinander, zum fünf Kilometer entfernten Friedhof ins Nachbardorf. Er auf einem schwarzen, stattlichen Herrenrad mit achtundzwanziger Reifen, den er seinen „Renner“ nannte, weil er mit dem Wind im Rücken unendlich lange lief ohne zu treten, und ich, größer geworden auf einem kleineren Rad daneben. Die Zeit ist unbarmherzig wie der Fortschritt, die Nostalgie ein schwacher Trost. Irgendwann segeln wir alle schwach und krank auf den Tod zu, egal wie jugendlich tatendurstig unser Leben auch war. Wenn ich heute über mich nachdenke, erblickte lediglich ein Arbeiterkind in den beginnenden Wirtschaftswunderjahren die Welt. Meine Biographie ist typisch für diese Zeit. In einem Dorf geboren, Sohn eines Fabrikarbeiters und dessen junger Frau. Die kleine Familie wohnte mit den Großeltern des Vaters in einem mit Stolz gebauten neuen Haus, dessen Schulden man gemeinsam abtrug. Auch darüber geriet man oft in Streit in dieser nicht immer leichten Schicksalsgemeinschaft, die man Keimzelle der Gesellschaft oder Familie nennt.

Chronisch aggressive Hepatitis heißt meine lebenslange Krankheit, die mich schon in meiner Jugend mit sechzehn Jahren erwischt hat. Was war das doch damals für eine Zeit, Ende der sechziger Jahre, als ich meine ersten Freundschaften schloss. Die Musik, die Idole der Rock- und Popmusik, das Instrument ihrer weltweiten Verbreitung brachte auch uns zusammen, die Gitarre, ob akustisch oder elektrisch, wir hörten diesen Rebellionsläufen auf den Gitarrenhälsen eines Jimi Hendrix, Eric Clapton, David Gilmour oder David Bowie hingerissen zu. Die sechziger Jahre beflügelten unsere Phantasie mit Science-Fiction-Figuren wie Commander McLane, Tamara Jagelowsk und Major Tom. Wir waren wohl allesamt Mitglieder der „ground control“ geworden. Die Plastikschwerter Prinz Sigurds und die Colts Wyatt Earps hatten wir hinter uns gelassen. Es gab nur ein Ziel, auch auf- und auszubrechen aus der bürgerlichen Welt unserer Eltern. Die Musik musste nachgeahmt werden. Wir saßen vor unseren ersten Tonbandgeräten und spitzten die Ohren bei dem Versuch, die uns am begehrenswertesten erscheinenden Stücke nachzuspielen. Ich an der Bassgitarre, Rolf spielte Leadgitarre, Walter eine Zeit lang Schlagzeug und Andrea sang. Progressive Musik nannten wir das, obwohl wir doch nur Imitationen schufen. Der Freiheit suchten wir auch an unseren Körpern, den langen Haaren und verwaschenen Jeans, Ausdruck zu geben, mit einem Wort, wir waren jung. Mein Körper aber hatte dann lautlos einen Virus als ungebetenen Gast in sich aufgenommen, ein frühes Verhängnis. Ein weiter Weg, den wir Kinder der Jahrhundertmitte bis ins neue Jahrtausend gegangen sind. Aus den wohlbehüteten Windeln unserer bürgerlichen Elternhäuser über die idealistischen Aus- und Aufbrüche der jugendlichen Revolte, der Hippie- Beat- und Flower-Power-Schlösser im Mond, zu den enttäuschten Hoffnungen. Wir waren Feiglinge und sind mit Träumen durch die Welt gelaufen, ohne sie zu verwirklichen. Sicher nicht die erste Generation mit dieser Erfahrung.

Aber so spannend ist das nicht, also kehre ich zu der Krankenhausnacht vor der Transplantation zurück. Eine Nacht, in der niemand schlafen konnte. Die Zeit zog sich wie Kaugummi in die Morgendämmerung hinein. Meine Frau und ich legten sich jeder auf ein frisches, unbenutztes Bett. An Schlaf war nicht zu denken, während die Nervosität über die Bettdecke kroch und ich im kühlen Raum die horizontale Lage übte, als ob ich vorausahnte, für Wochen keine andere mehr einnehmen zu können. Wir sprachen wenig. Gegen Morgen kam die Schwester und sagte lapidar, dass es gleich losginge. Da lag ich schon mit den weißen Thrombosestrümpfen auf dem Bett und muss mir wie ein bemitleidenswerter Transvestit vorgekommen sein. Jetzt musste auch noch der Slip weichen unter dem hinten geknoteten, kitschig bläulich gepunkteten Engelshemd. Immer ungeschützter setzte sich mein Körper der bevorstehenden Operation aus. Wir machten kein Auge zu in dieser nicht enden wollenden Nacht. Wie auch, vor einer Reise, von der man möglicherweise nie wieder zurückkehrte.
Während das Operationsteam um den leitenden Oberarzt herum an einem bis ins kleinste vorausgeplanten Ablaufdiagramm feilte, lag das knapp zwei Kilogramm schwere, rotbraune Fleischstück also zur Begutachtung unter den Augen eines anderen kontrollierenden Spezialisten. Von einer befürchteten Dramatik war nichts zu spüren, die Ruhe verströmte eher eine Banalität, die dem Ernst des Beabsichtigten diametral entgegen stand. Als das erste Morgenlicht diffus in das Krankenzimmer kroch, öffnete sich die Tür und wie eine Art Befreiung wirkte der lapidare Satz der Schwester im blauen Kittel: „Es geht los!“ Mit dem Bett wurde ich zum Fahrstuhl und durch zahlreiche Gänge auf den Flur in den OP-Vorraum geschoben. In äußerster Eile erschien eine Assistentin in der Tür. Sie benötigte noch eine Einwilligungsunterschrift für die Anästhesie. Die Verwaltung konnte nicht anders als jeden in diesem Riesenmoloch letztlich auf den Strichcode eines Klebestreifens zu reduzieren. Theatralisch hätte man sich den Abschied von meiner Frau vorstellen können, aber auch das erschöpfte sich in aufbauenden Floskeln wie: „Wir schaffen das.“ Ich war merkwürdig ruhig und ergeben, als wäre alles nur ein Spiel und jetzt ohnehin nichts mehr daran zu ändern. Dabei hätte doch der Anfangssatz des „Malte Laurids Brigge“ in Paris das Szenario merklich aufgewertet: „So, also hierher kommen die Leute um zu leben, ich würde meinen, es stürbe sich hier.“ Doch der Bruder des Schlafes sollte noch warten müssen, der Schlaf selbst aber befand sich in den Narkosespritzen der geschäftigen Ärzte um mich herum. Die dachten weniger an Literatur, sondern beschwichtigten routiniert mit dem Hinweis: „Nun träumen Sie mal schön von Urlaub, Sonne und Südsee.“ So wie ich nun dieses größtmögliche, letzte Geschenk von jemand Unbekanntem bekam, so dachte ich auch an die Möglichkeit, daß sich ein letztes Tuch über mein Gesicht senken könnte und mich ebenfalls für immer namenlos machte. Die Kanülen bohrten sich in die Venen beider Arme, den Sauerstoff atmete ich tief durch eine Maske. Vom Operationssaal sah ich nichts mehr, es wurde schwarze Nacht für mich an diesem gerade hell werdenden Wintermorgen.
Es reicht nicht die Augen zu schließen, um sich eine Vorstellung vom Nichts zu machen. Nichtvorhandensein ist ein Ausnahmezustand, der dem Subjekt fremd ist. Wie sollte ein Ich jemals jenseits der Vorstellung sein, überhaupt vorhanden zu sein? Ein Mensch in der Narkose träumt nicht, denkt nicht, fühlt nicht, er ist ein Stück narkotisiertes Fleisch.
Das Aufwachen war nicht grausam, aber das schreckliche Neonlicht blendete. Man findet sich sofort wieder ein im alten Ich oder war es ein neues? Intensivstation mit Stimmen. Ich war nicht allein. Eine Schwester stand an einem Monitor, eine Stimme fragte:
„Da bist du ja, hast du Schmerzen?“
Was empfindet ein Körper, wenn der Bauch weg ist und Schwäche zur Angst hinzukommt, sich irgendwo zu berühren. Da muss eine schreckliche Wunde sein in der fehlenden Mitte, ein tausend Meter tiefes Loch. Das Bewegen meiner Arme fiel mir schwer.
„Es ist alles gut gelaufen, trinken darfst du noch nichts.“
Da lag ein wunder Leib, ein kraftloser Körper von Schläuchen und Beuteln umgeben im Bett, neben dem ein einzelner Computermonitor und ein ganzer Ständer voll Überwachungsgeräte und Diffusoren standen. Flüssigkeiten wurden an beiden Seiten des Bettes in Plastikbehältern außerhalb von mir aufgefangen. Es floss ständig etwas aus mir heraus. Urin und Wundwasser, Blut und Schaum. Alles der Gesundheit unzuträglich Überflüssige sollte heraus. Das einzige was hinein sollte war Luft durch die Nase, angereichert mit Sauerstoff durch einen Schlauch und erst nach Tagen gab man mir die Stäbchen zum Zähneputzen, mit denen ich mir heimlich den trockenen Mund benetzte. Permanent verabreichte man Schmerzmittel und Medikamente durch den ZVK. Das klingt wie „Zentrales Verzeichnis der Kinderbücher“, ist aber der Zentrale Venenkatheder. Es gab nur eine Art zu liegen und zu schlafen: Rückenlage. Woche um Woche würde ich von nun an auf dem Rücken liegen, auf dem Rücken schlafen. Rücken, Rücken, Rücken. Ob man sich jemals wieder auf die Seite drehen konnte? Umringt durch die seitlichen Schläuche, die in die Beutel mündeten, anfangs noch einen Katheder zwischen den Beinen, auf den ich Acht geben musste, dass der Schlauch nicht abklemmte. Denkt man an das Ende des Lebens, das man sich sowieso nur schwer vorstellen kann? Die Welt ohne mich? Unwillkürlich kreisen die Gedanken auch um das Sterben. Der Nachtschwester habe ich ein Gedicht aufgesagt, wie peinlich. Das war der Euphorie des Überlebens, des wieder auferstandenen Seins geschuldet. Ich hechelte nach Sinn, wollte wohl gar mit meiner Hilflosigkeit kokettieren. Zeitweise fühlte ich mich wie ein Anderer, ein klarerer, ernsthafterer Mensch, der seinem Leben einen Hauch von Wahrhaftigkeit geben würde. Das Gedicht schien mir wohl wie ein letztes Abschiedswort, etwas womit ich in Erinnerung bleiben wollte. Ich sprach es bestimmt zu feierlich, überhaupt sich selbst zu zitieren, pathetisch. Die Schwester schien einen Moment irritiert, aber einordnen konnte sie das Gehörte in ihr normales Leben nicht. Sie stand da mit dem verwunderten Blick, wie man Patienten ansieht, wenn sie merkwürdige, unerklärliche Dinge tun. Aber jetzt war ich ja nicht mehr nur ich, mein Ich war jetzt auch ein anderer. Es hatte natürlich auch damit zu tun, dass man in einem Krankenhaus einen Teil seines Schamgefühls ablegte und gerade Männer suchen diese Nähe des Weiblichen, um das Gefühl zu haben, noch am Leben zu sein. Das Gedicht liegt immer noch in einer ausgefransten, hellroten Mappe meines Schreibtisches, eine unerreichbare Liebe scheint die Adressatin:

„Jenseits aller Zeit“:

Wenn ich einmal jenseits aller Zeit bin
Sollst du die Seiten meiner Bücher haben
Sollst dich mit braunen Augen blätternd fragen: Welchen Sinn?
Wenn ich noch könnte würde ich dir sagen
Dein Gesicht zu sehen war Grund genug
Denn im Dunkel meiner Träume lag ich neben dir

Aber was sind Worte gleich Perlen einer Kette
Vor deiner Schönheit, vor der Anmut deiner Bewegungen
Und der Arglosigkeit deines Herzens?
Selbst die Farben deiner Kleider
Sie schmeicheln nicht dir, du schmeichelst ihnen
Und nie schien schwarzes Haar mir schöner

Ach könnte ich doch in Wolkenbetten schlummernd schlafen
Sanft dein Arm gelegt um mich
Und deine Augen wären Spiegel
In deren dunklem Licht wir uns in Träumen träfen
Doch nur verstohlen lauscht mein Blick der Stimme deiner Hände
Denn die Schönheit deiner Augen blendet viel zu viel

An welche Schöne es auch immer gerichtet gewesen sein mag, jetzt erlösten mich Morphinträume aus der Bewegungslosigkeit des Liegens. Frühling in einem Dorf, das mit seinen Straßen und Wegen wohl nicht zufällig der Landschaft ähnelte, in der ich geboren wurde. Alles strahlt mild und bekannt und ich kann nicht nur laufen, nein, ich schwebe förmlich durch die Gassen. Das muss Einklang sein, Elysium, Himmel der Christen, Paradiesgärten der Muslime, Nirwana der Buddhisten. Diese Kraft, die durch die Beine strömt, obwohl sie unbeweglich schwer auf dem Bettlaken liegen. Ich springe und fliege nicht nur, die Welt und alle Menschen, die ich treffe, scheinen mich zu kennen und umgekehrt. Friede und Freundlichkeit zeichnet sich wie Zuckerwatte in dem Lächeln der Gesichter ab. Endlich lebe ich wie ein Teil von ihnen, das gegenseitige Verständnis ist grenzenlos.
Dann plötzlich werde er doch unsicher über die Richtung meiner Fortbewegung. Der Himmel wird grauer, stellt sich mir etwas in den Weg? Plötzlich bin ich alt und laufe mit hallenden Schritten durch das Grabgewölbe eines Schlosses, wo meine Alpträume mir als Echo gegen das faltige Gesicht schlagen und keine Ruhe finden an den steinernen Mauern. Kälte durchschneidet das Dunkel und jagt die Ratten in ihre Löcher. Letzte Freunde, die mir das zähe, dunkelrote Fleisch meines Herzens zerfressen werden.
Zielstrebig krieche ich um die Ecken der finsteren Gänge. Meine Augen sind blind, aber die Erinnerung lenkt meinen Weg. Meine Ohren sind taub, aber ich höre das feine Knirschen des Staubes unter meinen zernagten Schuhsohlen überdeutlich in meinem weißhaarigen Kopf. Ich erreiche ein Zimmer und die Stimme meiner Gedanken wird immer lauter.
Beim Öffnen der Tür schießen Bilder der Erinnerung wie Blumen in meinem müden Gehirn auf. Das Interieur ist wie aus einem schlechten Vampirfilm: Flackernde Kerzen, Ratten, ein Polstersessel mit verblichenem roten Samt überzogen und kahle Wände sind die Bewohner dieses mit Modergeruch erfüllten Raumes. Ich setze mich mit schrecklich zittrigen Händen und lausche der stummen Musik jener inneren Stimme, die mich mit jedem Wort grausam quält. Gierig wühle ich in der Asche meiner Vergangenheit und warte auf den Tod.
Plötzlich verwischt die Vorstellungskraft im Traum diese Szenerie wieder zugunsten der lichtdurchfluteten Idylle des alten Dorfes aus den Kindertagen. Dieser Weltenwechsel ist wie das Verlaufen von Farben ineinander bis die Euphorie der medikamentös stimulierten Nervenenden die neue Illusion so perfekt wie die alte inszeniert hat.
Ich springe wie ein Reh durch die Straßen, jedes Hindernis wirkt lächerlich gegenüber der empfundenen Leichtigkeit, mit der ich mich bewegen kann. In dieser Welt sucht man kein Gesicht, keine Liebe, keine körperliche Zärtlichkeit. Es ist wie ein dahingleitendes Glück, sich lebendig zu fühlen unter der Sonne.
Doch die Euphorie einer perfekten Frühlingswelt wird begleitet von dem trübenden Gefühl, nur Zuschauer zu sein, ein Fremder in trügerischer Vergangenheitsidylle. Auf der Wand rechts oben fällt mein Blick erwachend auf die große Wanduhr mit deutlich schwarzem Ziffernblatt. Ich nehme meine Zeit segmentiert wahr, in Bruchteilen von Minutenblöcken aus Viertel-, halben und ganzen Stunden. Gregor Samsa liegt auf dem Rücken und wartet, dass die Zeit vergeht. Ein Robinson auf seinem Inselbett gefangen in den Ritualen der Nächte und Tage.

Gibt es ein teureres Geschenk als das mit dem eigenen Tod bezahlte?