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Sonntagsbeschäftigung: Ein Anfang

Procol Harum: A whiter shade of pale

Keith Reid (Text) Gary Brooker (Musik)

Heute kein Buch, ein surrealistisches Gedicht, eine alte LP oder jetzt CD. Ich bin alt genug, um eine Art nostalgische Erinnerung an die Songs der Flower-Power-Zeit um 1967 zu haben. Damals sind mir zwar noch keine Meerjungfrauen begegnet und die Botschaft des Liedes war mir lange Zeit unklar. Zunächst schufen die englischen Worte ein mystisches Bild, die poetische Atmosphäre eines Schiffes und eine melancholische Sehnsucht des Erzählers nach verlorener Liebe in mir. Der wahre Schauplatz aber ist die Tanzfläche des Drogenkonsums und des Todes. Das Spiel mit der englischen Sprache ist nicht übersetzbar, egal wie lange man seine ”playing cards” und “cartwheels” durchwandert, aber um mir selbst den Sinn besser zu erschließen und als Herausforderung habe ich einen subjektiven Versuch gewagt:

(Seid gegrüßt, ihr alten Zeiten, und alle, die es zu verlieren gab)

WEISSER NOCH ALS BLEICHER SCHATTEN

Wir ließen ab vom Totentango
taumelten an Deck radschlagend kreuz und quer
Ich schien so was wie seekrank
Aber die Menge schrie nach mehr
Der Raum vibrierte förmlich
dann flog die Decke weg
Wir bestellten neuen weißen Fusel
Bedienung brachte ein Tablett

Und so kam es dann dass später
Als der Schneemann seine Geschichte gab
ihr Gesicht zunächst gespenstisch
weißer noch als bleicher Schatten war

Sie sagte, „Es gibt keinen Grund
die Wahrheit ist doch klar zu sehen“
Ich durchflog mein Spielerkartenbunt
so sollte sie nicht gehen
Als eine von sechzehn fragilen Jungfrauen
die vom Meer zur Küste hin entfliehen
Zwar waren meine Augen offen
doch beinahe genauso gut geschlossen

Und so kam es dann dass später
Als der Schneemann seine Geschichte gab
ihr Gesicht zunächst gespenstisch
weißer noch als bleicher Schatten war

Roberto Bolaño: Autorretrato a los veinte años (Deutsche Übersetzung)

The Romantic Dogs. Poems 1980 – 1998 translated by Laura Healy

Als Hintergrundinformation ist es vielleicht nicht schlecht, das Geburtsjahr Roberto Bolaños zu kennen, 1953. Damit erschliesst sich dann auch, dass dieses Gedicht eine Verarbeitung des Militärputsches in Chile ist, wo Bolaño selbst für acht Tage inhaftiert war. Gestern sah ich den Film “Vermisst” (1982) von Costa-Gavras noch einmal. Was mich am meisten erschüttert hat, waren neben den Tausenden Leichen unschuldiger Chilenen auch die perfide politische Rolle der USA, die den Putsch Pinochets und auch seine Militärjunta finanziell und durch die Geheimaktionen der CIA unterstützte.
Bei dem Gedicht Roberto Bolaños in meiner eigenen deutschen Übersetzung bitte ich nachsichtig zu berücksichtigen, dass ich bei weitem kein Übersetzer bin und nicht einmal Spanisch kann. Es ist ein Versuch, der mich gereizt hat und auf eine spätere professionellere Übersetzung wartet, wenn neben der spanischen Originalausgabe “Los Perros Romanticos” und der zweisprachigen amerikanischen „The Romantic Dogs“ die Gedichte hoffentlich auch auf Deutsch erscheinen werden.

SELBSTPORTRÄT MIT ZWANZIG JAHREN

Ich stand auf, machte mich auf den Weg und wusste nie
wohin er mich führen würde. Ich ging voller Furcht,
mein Magen flaute ab und mein Schädel brummte:
ich glaube es kam vom kalten Hauch der Toten.
Ich weiß nicht. Ich stand auf, dachte es sei schade
So schnell zu verschwinden, aber andererseits
Hörte ich diesen geheimnisvollen und überzeugenden Ruf.
Man hört ihn oder man hört ihn nicht, ich hörte ihn
Ich fing fast an zu weinen, ein schrecklicher Laut,
aus der Luft geboren und aus dem Meer.
Ein Schild und Schwert. Und dann,
trotz der Furcht, stand ich auf, legte meine Wange
an die Wange des Todes.
Unmöglich die Augen zu schließen es nicht zu sehen
Welch fremdes Schauspiel, langsam und fremd,
doch festgehalten in einer dahinfließenden Wirklichkeit:
Tausende junge Menschen wie ich, glattrasiert
Oder bärtig, aber alle Lateinamerikaner
rieben ihre Wangen am Tod.