Stefan Zweig: Brief einer Unbekannten

 26.11.2009 22-44-35_0004          brief_einer_unbekannten_dvd
Max Ophüls: “Brief einer Unbekannten”. 1948 verfilmt

Zu einer szenischen Lesung mit Sibylle Dordel hatte es mich in die harte Kirchenbankreihe der St. Vitus-Kirche in Wilkenburg verschlagen, die mir nach der Lektüre dieses schmalen Bandes gerade recht kam. Stefan Zweig beschreibt unglaublich einfühlsam und zum Teil sehr expressiv das Lebens- und Liebesschicksal einer Frau. Dementsprechend waren auch ca. 20 Frauen anwesend und nur 10 Männer. Auch Männer können also zur Minderheit werden. Das Frauenschicksal ist zwar nach 80 Jahren mittlerweile etwas unwahrscheinlich geworden, dafür sind die Frauen heute zu emanzipiert, aber diese Sprache, diese gekonnte literarische Form, sowohl im Text als auch in der Stimme. Ich kann den 90 Seiten Text nur empfehlen, gerade für gestandene Männer.

Diese besondere Liebe oder Neugierde für gefährdete Menschen hat mich übrigens mein ganzes Leben begleitet. Vielleicht ließ mir gerade die Sphäre der Solidität, aus der ich kam, und die Tatsache, dass ich selbst bis zu einem gewissen Grade mich mit dem Komplex der ‚Sicherheit‘ belastet fühlte, alle jene faszinierend erscheinen, die mit ihrem Leben, ihrer Zeit, ihrem Geld, ihrer Gesundheit, ihrem guten Ruf verschwenderisch und beinahe verächtlich umgingen, diese Passionierten, diese Monomanen des bloßen Existierens ohne Ziel, und vielleicht merkt man in meinen Romanen und Novellen diese Vorliebe für alle intensiven und unbändigen Naturen.“

Stefan Zweig aus „Die Welt von Gestern“

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