Kurze Bemerkungen zu Gasdanows “Phantom”

Gaito Gasdanow_Alexander Wolf

Zur Zeit lese ich wenig, aber Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf ist nun heute morgen komplett verschlungen. Texte werden schließlich einverleibt und nicht nur gelesen. Das Beste daran im Zusammenhang mit den neuesten Prism / Tempora-Datenschnüffeleien: Beim Lesen kann man kaum abgehört werden,  vielleicht eingeschränkt beim E-Book. Bei der Umschlagillustration der Büchergildeausgabe changiert das Pferd zwischen hellen und dunklen lindgrünen Streifen. So prallen im Russischen Bürgerkrieg auch zwei Reiter auf ihren unterschiedlichen Pferden in einem Wald aufeinander. Der Ich-Erzähler reitet eine schwarze Stute, sein Feind einen gewaltigen, weißen Hengst. Hier treffen also nicht nur Pferde aufeinander, sondern gänzlich unterschiedliche Prinzipien wie Leben und Tod oder Weiblichkeit und Männlichkeit. Der von Franziska Neubert teilabstrakt und farblich schlicht gestaltete Buchdeckel des kurzen Romans in der Büchergilde-Ausgabe bringt das gut zur Geltung. Sie ist mir als Buchillustratorin noch bei Julio Cortàzar: Erzählung mit einem tiefen Wasser in guter Erinnerung. Wichtiger aber als der Einband ist dann das beschriebene Innenleben.
Was den Gegenspieler des Erzählers betrifft, von dem dieser glaubt, ihn erschossen zu haben, könnte man fast eine Parallele zu Hans Reiter in “2666” ziehen. Auch dort vollzieht sich eine Metamorphose vom kämpfenden Soldaten zum Schriftsteller durch die Erfahrung der Nichtigkeit des Lebens im Krieg und der Nähe des eigenen Todes. Aber wir wollen ja keine Äpfel mit Birnen vergleichen, außerdem sind das meist nur individuelle Vergleiche, die auf der eigenen, subjektiven Auswahl an nun einmal gelesenen Büchern beruhen. Auf Gasdanows “Phantom” wurde ich durch die positive Besprechung im Literaturclub Ende letzten Jahres aufmerksam. Ein zwar konventionell erzählter, aber psychologisch und philosophisch herausragender Roman, der im Pariser russischen Milieu der dreißiger Jahre, aber auch nach der Oktoberrevolution im Russischen Bürgerkrieg spielt. Es ist ein leicht erzähltes, sprachlich gutes Niveau vorhanden, das vor allem seelische Konflikte und Schuld beleuchtet. Allerdings haben mir diese introspektiven Teile besser gefallen als die streckenweise auftauchenden Elemente eines Kriminalromans z. B. am Ende. Im Grunde geht es um den existentiellen Gegensatz reicher seelischer Empfindungen und der Gewalt von Schicksal und äußerer Welt, der sich auch im eigenen eher grobschlächtigen Körper manifestiert. Ein kluges Nachwort der Übersetzerin ordnet Gasdanow in die europäische Literaturgeschichte ein, mit Vergleichen zu Nabokov und Camus.  Das doch streckenweise außergewöhnliche Sprachniveau lässt mich spontan an den Roman “Der Tod des Vergil” von Hermann Broch denken, vermutlich weil ich gerade bei Alban Nikolai Herbst von seiner gründlichen Lektüre las, und aus dem ich vor einiger Zeit ein wenig zitiert habe. Dieser Roman ist sprachlich noch mal ein ganz anderes Kaliber und ich muss gestehen, es auch bisher nie ganz hindurch geschafft zu haben. Bei manchem Sprachmonolithen macht das Durchhaltevermögen oft zu früh schlapp und Brochs Vergil ist ein Felsbrocken. Gaito Gasdanows Roman erschien 1948 und ist von Brochs Epos nur drei Jahre entfernt. Aber schon wieder vergleiche ich Äpfel mit Birnen.
Mir gefällt die Renaissance von unbekannteren, vom jeweiligen Zeitgeschmack eher vernachlässigten Autoren. In qualitativ guten Neuveröffentlichungen solcher sprachlicher Preziosen der Vergangenheit sehe ich ein Feld, auf das sich vor allem auch kleinere Verlage manchmal mit Risiko mutig einlassen. Dieser Beitrag entpuppt sich mehr als ein Streifen von Romanen, die mir letztens über den Weg liefen, als eine Konzentration auf Gasdanow, egal. In die Quere kam mir vor kurzem noch ein anderer Titel, der mich neugierig machte: David Markson (1927-2010): Wittgensteins Mätresse, bereits 1988 erschienen und in diesem Jahr neu im Berlin Verlag. Es ist merkwürdig, wenn man ein Buch noch nicht gelesen hat und schon viele Blogs und Rezensionen darüber berichtet haben. Eigentlich möchte man selbst immer etwas Seltenes entdecken, aber sowenig wie man etwas Neues schreiben kann, dass nicht doch schon ein anderer gedacht hat, so sind auch Bücher nicht wirklich jungfräulich und gerade im Netz wird ständig vorgekaut. Vielleicht kaue ich hier auch nur vor oder bin ein bibliophiler Wiederkäuer. Manchmal möchte man sich von der Bücherwiederkäuerei einfach verabschieden. Wäre das nicht eine neue Bezeichnung für Literaturkritik?
Zurück zu Gasdanow, wo es um die großen Themen Liebe und Tod geht und der Erzähler bei sich selbst und anderen eine Persönlichkeitsspaltung wahrnimmt. Die Kluft zwischen der grobschlächtigen eigenen Körperlichkeit und dem sensiblen Inneren mündet in eine melancholische Grundstimmung, die auch die Liebesverhältnisse durchzieht und am Schluss schließt sich das wie vorherbestimmte Schicksal wie ein Kreis. Überhaupt schwebt über dem Roman auch die Andeutung, alles könnte letzten Endes nur der Fiktion eines Buches entspringen, denn das fatale Zusammentreffen der beiden Reiter im Bürgerkrieg wird Stoff für die Erzählung “Das Abenteuer in der Steppe”, in englischer Sprache erschienen von eben dem angeblich getöteten Alexander Wolf. So wird hier bereits in einem frühen Roman mit den Abgründen von Fiktionalität gespielt und die rein realistische Ebene stellt sich selbst in Frage. Es gibt bereits genug Rezensionen zu dem Buch und so will ich diese kurzen Bemerkungen schnell noch mit einem Zitat schließen, mit dem eine Liebesnacht des Erzählers mit seiner Geliebten Jelena Nikolajewna endet:
“Ja, natürlich, auch die allerschönste Frau kann nicht mehr geben, als sie hat. Und sie hat meistens gerade so viel, wie wir an Seelenkraft aufbringen, um es zu erschaffen und uns vorzustellen – und deshalb war Dulcinea unvergleichlich. Noch so eine Täuschung: zu meinen, die Wirklichkeit habe eher recht als die Einbildung.” (S. 147)
Einige Rezensionen: Die Zeit, Cicero, 3sat Video, dradio,
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