P wie Patientenbuch, Pars 1

Lebertransplantierte sollen ein Patientenbuch führen, bei mir wurden es am Ende gleich vier. Da geht es um tägliche Trinkmengen und die Dosierung diverser Medikamente. Mir ging es schon damals darum, dieses hoffentlich singulär bleibende Ereignis mit seiner völlig anderen Erlebniswelt auch deshalb zu dokumentieren, um irgendwann einmal darüber schreiben zu können. Aber ich hätte schreiben sollen, als es mir passierte, jetzt ist vieles nur noch blasse Erinnerung. Ich war nie für Transplantationen und ich glaubte die längste Zeit meines Lebens an die Unversehrtheit des eigenen Körpers, in dem ein fremdes Organ doch eigentlich nichts zu suchen hat. Ich wollte ganz bleiben und ich hatte schlicht die größte Angst vor einem solch gravierenden Eingriff. Wenn es um das Ertragen von Schmerzen geht, ist der Mensch in der Regel ein Feigling und ich mache da keine Ausnahme. Schmerzen geht man am besten aus dem Weg, und solange man noch eine alternative Chance zum Überleben hat, schiebt man den Gedanken an eine Transplantation in einen Winkel, in den nur selten Licht fällt. So wird es den meisten gehen, vor allem jenen, die nicht einmal bereit sind, einen Spenderausweis auszufüllen. Sie denken an jüngste Manipulationsvorwürfe während der Vergabe eines Organs und haben ein Verdrängungsargument mehr. Nur wenn sie selbst einmal zum potentiellen Empfänger werden sollten, wird ihr Geschrei nach einem Anspruch auf ein Organ am größten sein. Sie machen sich über die Situation der verzweifelt Wartenden wenig Gedanken und schon gar nicht darüber, dass der posthume Akt, jemand Fremden ein so großes, letztes Geschenk zu machen, mit Skandalen und Manipulationen nichts zu tun hat.
Das erste Buch beginnt mit einer Cortison-Tabelle, die eine sich stetig verringernde Standarddosierung dieses entzündungshemmenden Nebennierenrindenhormons zeigt. Ein Pfleger oder eine Krankenschwester befestigte diesen mittlerweile vergilbten, ausgeschnittenen Zettel mit zwei durchsichtigen Klebestreifen oben und unten auf der ersten Seite. Gegenüber befinden sich weitere Dosierungsangaben über Flüssigkeitsmengen diverser Trinkgefäße, denn ein bedeutender Überlebenskampf gilt dem Wasserhaushalt des Körpers, der es zunächst bei weitem nicht mehr schafft, die aufgenommene Trinkmenge auch wieder auszuscheiden. Die linken Seiten werden also täglich mit einer Gegenüberstellung des Getrunkenen und des Ausgeschiedenen gefüllt. Ideal wäre, vom Verdunsten über die Haut einmal abgesehen, eine Ausgewogenheit auf beiden Seiten zu erreichen oder anders ausgedrückt: Was rein kommt, muss auch wieder raus. Die rechte Seite zieren drei Informationsblöcke: zum ersten die vier elementaren Körperfunktionsmerkmale wie Gewicht, Temperatur, Puls und Blutdruck, zum zweiten die bei Transplantationen immer notwendige Immunsuppression (ebenfalls vier Zeilen für die einschlägigen Pillen bis ans Lebensende müssen dabei genügen), und zum dritten der nicht gerade geringe Rest der weiteren Medikamente.
Dieses Ringbuch mit seinem abwaschbaren und jetzt doch fettfleckigen Plastikdeckel erzählt in und zwischen den nüchternen, dokumentarischen Angaben auch meine Krankengeschichte. Ach wie spannend, werden Sie sagen, wo Sie doch schon im Wartezimmer des Arztes halb angewidert weghören, wenn sich andere ihre Leidensgeschichten meinen brühwarm erzählen zu müssen, soll ich das jetzt auch noch halbgar literarisch aufbereitet verabreicht bekommen? S i e haben sicher recht und i c h schreibe es trotzdem. Was durchgehend ins Auge sticht ist die unermessliche Menge an exotischen Medikamentennamen: Valcyte gegen die Gefahr einer Infektion mit dem Cyto-Megalie-Virus, Ampho-Moronal gegen Infektionen der Mundschleimhaut, Coumadin für die Antikoagulation, Decostriol für eine verbesserte Calciumaufnahme, eine Tripel-Therapie für die Immunsuppression aus den drei Medikamenten Prograf, CellCept und Decortin H. Die vierte mögliche Zeile ist also immer freigeblieben, so wie immer etwas unausgefüllt bleibt. Es gibt kein Leben, in dem am Ende nichts fehlt. Diese Medikamentenliste ließe sich beliebig fortsetzen mit ACC, Aldactone, Cotrim Forte, Furosemid, Imeson, Irenat, Pantozol, nicht zu verwechseln mit Paracetamol, Spiro-CT, Torem, Tramal long usw. Wenn etwas für das Überleben des Lateinischen sorgt, ist es die Sprache der Mediziner. Diese Sprachwahl, die dem normal Sterblichen sofort klar macht, von seinem eigenen Körper nicht die geringste Ahnung zu haben. Mit so schön kombinierbaren Krankheitsbezeichnungen wie “primär sklerosierende Cholangitis”, kurz PSC oder “chronisch-aggressive Hepatitis” könnten sie noch jeden freundlichen Zeitgenossen konsterniert und irritiert zur Seite blicken lassen. Die medizinische Ausdrucksweise ist nicht nur unverständlich, sondern auch extrem abschreckend und einschüchternd. Sie versucht einen subjektiven Krankheitszustand in eine sprachlich sachliche und kühle Form zu rücken. Der erste Gedanke, die erste Reaktion beim Erwähnen der Krankheit eines anderen ist der Wunsch nach Abstand. Der Abstand zu einer Krankheit kann für die Gesunden nicht groß genug sein. 
Da stehen doch sage und schreibe 500 mg Cortison intravenös (i.v.) und intraoperativ (intraop) auf dem eingeklebten Zettel. Falls es jemand interessiert, das p.o. nach dem vierten Tag steht für per os (oris), die orale Verabreichung, also über den Mund. Aber bevor man dieses Patientenbuch überhaupt mit einer krakeligen Schrift selbst zu füllen beginnt, wacht man auf. Wenn man großes Glück hat, ist man schon nicht mehr intubiert. Das Ziehen des Intubationsschlauches ist im Wachzustand kein angenehmes Erlebnis. Dass man die Bauchdecke fachgerecht in Form eines Mercedessterns wieder zugenäht oder zumindest geklammert hat, ist noch keine Garantie dafür, das implantierte Organ nicht unter ständiger Kontrolle halten zu wollen und so drückt relativ skrupellos eine wechselnde Anzahl von Ärzten den Kopf des Sonographie-Gerätes über oder neben die frische OP-Narbe. Doch wer ein solches Geschenk bekommen hat, leidet nicht ungern.
Strahlende, gelb leuchtende Sonnenblumen unter einem blauen Himmel mit kleinen weißen Kumuluswolken prangen als Photographie auf dem Umschlag und selbstverständlich wurde es mit freundlicher Unterstützung der Novartis Pharma GmbH Nürnberg gedruckt. Die Dankbarkeit des Überlebenden unterdrückt vorerst jede kritische Haltung zur Pharmaindustrie, die natürlich Krankheit und Patient als Teil der Warenwelt begreift. Deren Teil sind wir schließlich alle, zum universalen Konsum geboren. Den Profit zu ignorieren kann nur jemand, der nicht mehr von dieser Welt ist. Der erste noch von einer Krankenschwester oder einem Pfleger geschriebene Eintrag steht vier Tage nach dem Eingriff im Heft und besteht aus der Mengenangabe für Tee, Brühe und lapidar H2O für das verabreichte Mineralwasser. Einen Monat später will ich bereits 300 Euro Bargeld in die Reha-Klinik nach Bad Driburg mitnehmen. Immerhin auch ein weiteres Ringbuch für Schreibversuche, den obligatorischen Jogging-Anzug und eine Meridol-Zahnspülung. Hinter dem Sakko steht noch ein Fragezeichen. Dieser erste Monat wird vor allem durch das langsame Verschwinden von in meinem Körper steckenden Schläuchen gekennzeichnet sein. Ich erinnere mich nur zu gut an die geradezu mit Stolz vermischte Erleichterung, wieder einen dieser Plastikfremdkörper mitsamt seinem Beutel oder einer Flasche losgeworden zu sein. Der dickste und größte war der für die Lungendrainage zuständige, rechts in den Rippen steckend, etwas kleiner als der Aszites-Schlauch im Bauch links, der erst nach einigen vergeblichen Versuchen, die mit Bauchschwellungen endeten, ebenfalls abgeklemmt werden konnte. Die Aszites aber stellte sich nach den ersten Wochen noch als das kleinere Übel heraus, die größte Komplikation ergab sich später durch eine Thrombose der Vena cava im Bauchraum.
Ich schreibe dies jetzt über fünf J a h r e später, ungefähr fünf M o n a t e nach der siebenstündigen OP sollte ich mit dem Schreiben in einem Weblog beginnen. Wie beruhigend es doch ist, nie zu wissen, was uns erwartet. Andererseits sehen wir auch nur das, was wir erwarten zu sehen. In der Regel ist der Mensch ahnungslos und leichtgläubig zugleich. Hing am Herd immer ein blauer Topflappen, wird man einen grünen, der jetzt dort hängt, leicht übersehen, und wenn wir einen Stuhl wegstellen, damit wir nicht über ihn stolpern, und ein anderer hat ihn dennoch wieder an seinen Platz gestellt, werden wir unweigerlich dagegen laufen. Wir sehen nur das, woran wir glauben wollen. Gerade im Verlauf meines späteren Bloggens sollte sich das als absolut gültig erweisen.
Von den vier Ringbüchern mag ich mich nicht trennen, sie sind Teil der Spuren auf meiner Reise zurück ins Leben. Vierzehn Tage nach meinem Geburtstag stehen da so schreckliche Wörter wie Hämatomausräumung nach Narbenbruch oder Blutungsstelle umnäht und dann erinnere ich mich wieder der Worte des Arztes nach der zweiten OP: “Alles in Ordnung, wir haben die Blutung stoppen können, einschließlich großer Motorwäsche im Bauchraum.” Mein Körper war also wieder zu einer leidlich funktionierenden Maschine geworden. Da steigen Bilder in mir auf, wie man den Rasen sprengt oder eben das Auto mit dem Gartenschlauch abspritzt. Alles voll roter Wassertropfen, am wachsglitzernden Gedärm abperlende als wäre es Karosserieblech. Die Sommersonne draußen und in mir das viele Blut, das da nicht hingehört. Sommerbilder passen so gar nicht zu der Vorstellung, ein Chirurg hielte seinen Wasserstrahl direkt in meinen offenen Bauchraum, wo er klebrige Darmschlingen mühsam beiseite räumt, womöglich in der Hand hält und akribisch säubert.
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