Mario Vargas Llosa: Lob der Stiefmutter Teil 1: Die Illustrationen

Das Erste, was ich vom frisch gebackenen Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa also lese, ist gleich ein literarisch anspruchsvoller erotischer Roman. Ein Hauptmerkmal dieses 1988 erschienen Buches sind die von den Protagonisten aus wechselnder männlicher oder weiblicher Perspektive in ihren Träumen beschriebenen Gemälde. Die Handlung spielt zwar in der Moderne, aber die Mythologie der Gemälde lässt die drei Hauptprotagonisten, das Ehepaar Don Rigoberto und Doña Lukrezia, sowie ihren zehnjährigen Stiefsohn Alfonso zu Personen eines erotischen Reigens in den von ihnen imaginierten Gemälden werden. Sechs sind es an der Zahl (vier klassische und zwei modern abstrakte) und ich will heute gar nicht mit einer Interpretation oder Leseeindrücken beginnen, sondern diese Abbildungen mit von mir ausgewählten Zitaten für sich selbst sprechen lassen. Aus gar nicht unschuldiger, kindlicher Sicht, aber auch aus männlichem und weiblichem Blickwinkel wird in der Ich-Form über diese Bilder erzählt. Eine Interpretation folgt später, nur soviel: das literarische Niveau dieses Romans hat mich an jeder Stelle überzeugt und überrascht.

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  Tizian: Venus mit Amor und Musik

Sie ist Venus, die Italienerin, Tochter des Jupiter, Schwester Aphrodites, der Griechin. Der Orgelspieler gibt ihr Musikunterricht. Ich heiße Amor [Alfonso]. Klein weich und rosig und geflügelt, ich bin tausend Jahre alt und keusch wie eine Libelle. Der Hirsch, der Pfau und das Rotwild, die man durch das Fenster sehen kann, sind ebenso lebendig wie das verschlungene Liebespaar, das im Schatten der Bäume auf der Allee wandelt. Der Satyr des Brunnens hingegen, über dessen Kopf aus einem alabasternen Krug kristallklares Wasser sprudelt, ist es nicht: er ist aus toskanischem Marmor, den ein geschickter Künstler aus dem Süden Frankreichs modelliert hat.” …
”Die Orgel wird verstummen; mit einer tiefen Verbeugung tritt der Lehrer ab in den Orangenhof, und ich werde durch das Fenster springen und in die wohlduftende ländliche Nacht davonflattern.
Im Schlafgemach bleiben nur die beiden [Rigoberto und Lukrezia] und die sanften Laute ihres zärtlichen Gefechts.”

   
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  Jacob Jordaens: Kandaules

“Ich bin Kandaules [Rigoberto], König von Lydien. … dass Jahrhunderte später einmal Türkei heißen wird.
… Denn soviel  ist gewiß: ich liebe die Königin. Alles an meiner Gattin ist sanft und zart, ganz im Gegensatz zur strotzenden Herrlichkeit ihrer Kruppe: ihre Hände und Füße, ihre Taille und ihr Mund. Sie hat eine Stupsnase und schmachtende Augen, geheimnisvoll stille Wasser, die nur Lust und Zorn in Wallung bringen.
… Letztlich mißfällt mir die Vorstellung nicht, daß später einmal, wenn die Zeit vergangen ist und alles verschlungen hat,  was heut um mich herum existiert, über den Wassern, in denen die Geschichte Lydiens Schiffbruch erlitt, rund und sonnengleich, üppig wie der Frühling, für die Generationen der Zukunft nur eines überdauert: die Kruppe Lukrezias, der Königin, meiner Frau.”

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Francois Boucher: Diana beim Bade

Die da links bin ich, Diana Lukrezia [Doña Lukrezia]. … Zu meiner Rechten, nach vorn geneigt, befindet sich Justiniana, meine Favoritin. Wir haben gerade ein Bad genommen, und jetzt werden wir uns lieben. … Die Hauptperson befindet sich nicht auf dem Bild. Besser gesagt, man sieht sie nicht. sie ist dort hinten, verborgen zwischen den Bäumen und spioniert uns aus. … Er hat gesehen, wie ich mich selbst liebkoste und befriedigte, und er hat Justiniana und mich gesehen, wie wir inmitten der Strömung das kristallklare Wasser der Kaskade eine jede im Mund der anderen tranken und unseren Speichel, unsere Säfte und unseren Schweiß kosteten.
Wenn er sieht, daß wir Gefangene des Gottes Hypnos sind, dann ist es sehr gut möglich, daß der Zeuge unseres Treibens mit unendlicher Vorsicht, um uns nicht mit dem leisen Geräusch seiner Schritte zu wecken, seine Zuflucht verläßt und uns vom Rande der blauen Decke her betrachtet.
Dort wird er sein und da wir, abermals reglos, in einem anderen Augenblick von Ewigkeit. Foncin [Alfonso], mit blasser Stirn und geröteten Wangen, Erstaunen und Dankbarkeit in den großen Augen, indes ein kleiner Speichelfaden aus seinem zarten Munde rinnt. Wir, verschlungen und vollkommen, im gleichen Rhythmus atmend, mit dem erfüllten Ausdruck jener, die glücklich zu sein verstehen. So verharren wir alle drei, still, geduldig, und warten auf den künftigen Künstler, der, von Verlangen getrieben, uns in Träumen einfängt und glaubt, uns zu erfinden, während er uns mit seinem Pinsel auf die Leinwand bannt.”

 

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   Francis Bacon: Kopf I

Das linke Ohr habe ich durch einen Biss verloren, als ich mit einem anderen menschlichen Wesen kämpfte, glaube ich. Aber durch den schmalen Spalt, der mir geblieben ist, höre ich deutlich die Geräusche der Welt, Auch die Dinge sehe ich, wenngleich schief und mit Mühe. Denn dieser bläuliche Wulst links von meinem Mund, ist, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht, ein Auge.
Der gläserne Würfel, in dem ich mich befinde, ist mein Zuhause. Ich sehe durch seine Wände hindurch, aber von außen kann mich niemand sehen…
Ich besitze einen sehr entwickelten Geruchssinn: durch die Nase erfahre ich höchste Lust und höchstes Leid…
Ich habe weder Arme noch Beine, aber meine vier Stummel sind gut vernarbt und verhärtet…
Mein Geschlecht ist unversehrt. Ich kann den Liebesakt vollziehen, unter der Bedingung, daß der Knabe oder die Frau, die als
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dienen, mir eine Körperhaltung erlauben, bei der meine Furunkel nicht ihren Körper berühren, denn wenn sie aufplatzen, entströmt ihnen stinkender Eiter, und ich leide entsetzliche Schmerzen.
Ich bin weder unglücklich, noch möchte ich Mitleid erregen. Ich bin, wie ich bin, und das genügt mir. Zu wissen, daß andere schlimmer dran sind, ist natürlich ein großer Trost. Es ist möglich, daß Gott existiert, aber hat das in diesem Augenblick der Geschichte, nach allem, was uns zugestoßen ist, irgendeine Bedeutung? Die Welt hätte womöglich besser sein können, als sie ist? Ja, vielleicht, aber warum sich diese Frage stellen? Ich habe überlebt und gehöre, dem äußeren Schein zum Trotz, der menschlichen Gattung an.
Schau mich genau an, mein Liebling. Erkenne mich, erkenne dich.”

 

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   Fra Angelico: Die Verkündigung

Die Hitze des Mittags hatte mich eingeschläfert, daher hörte ich ihn nicht kommen. Aber als ich die Augen aufschlug, war er da, zu meinen Füßen, in einem rosigen Licht.
Aber der rosige Jüngling sagte, daß ich die Auserwählte sei, daß man unter allen Frauen mich bestimmt habe. Wer? Wozu? Warum? Was habe ich gutes oder Schlechtes getan, daß jemand mir den Vorzug gibt? Ich weiß sehr genau, wie wenig ich wert bin. Im Dorf gibt es schönere und tüchtigere stärkere, aufgeklärtere und tapfere Mädchen. Weshalb sollte man also mich auswählen? … Weil ich so liebevoll unsere kleine Ziege melke, … Deshalb sagt man vielleicht, ich sei einfach. … Aber ein paar Wünsche habe ich doch. Zum Beispiel, daß meine kleine Ziege niemals stürbe. Wenn sie mir die Hand leckt, denke ich, daß sie eines Tages sterben wird, und dann krampft sich mir das Herz zusammen.
Der Jüngling sagte widersinnige Dinge, aber er sagte sie so melodiös und ohne Falsch, daß ich nicht zu lachen wagte. Daß ich benedeit sei, ich und die Frucht meines Leibes. Das sagte er. Ob er vielleicht ein Zauberer war?
Bevor der Jüngling sich entfernte, neigte er sich und küßte den Saum meiner Tunika. Eine Sekunde lang sah ich seinen Rücken: dort spannte sich ein Regenbogen, als hätten sich die Flügel eines Schmetterlings auf ihm niedergelassen.
Jetzt ist er fort, und ich bin mit einem Kopf voller Zweifel zurückgeblieben. Warum sprach er mich als Frau an, da ich doch noch ledig bin? Warum nannte er mich Königin? Warum sah ich Tränen in seinen Augen schimmern, als er mir prophezeite, daß ich leiden würde? Warum nannte er mich Mutter, da ich Jungfrau bin? Was geschieht? Was wird aus mir nach diesem Besuch?”

 
 

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F. de Szyszlo: Weg nach Mendieta

“… wird das maulbeerfarbene und violette Dunkel der Oberfläche ganz allmählich in Bewegung geraten, schillern, einen Sinn bekommen und sich entfalten als das, was es in Wirklichkeit ist: ein Liebeslabyrinth.
Das bin ich, Sklave und Herr, deine Opfergabe. Aufgeschlitzt wie eine Turteltaube durch das Messer der Liebe. Aufgerissen und pulsierend, ich. Saumselige Masturbation, ich. Honigseimiger Strahl, ich. Labyrinth und tastendes Fühlen, ich. Magisches Ovarium, Samen, Blut und Tau des Morgengrauens: ich.
Dieses triadische Gemach – drei Beine, drei Monde, drei Räume, drei Fenster und drei dominante Farben – ist die Heimat des reinen Triebes und der Phantasie, die ihm dient, so wie deine schlängelnde Zunge und dein süßer Speichel mir gedient und sich meiner bedient haben. Wir haben Namen und Vornamen verloren, Gesicht und Haar, die äußere Würde und die staatsbürgerlichen Rechte. Aber wir haben Magie, Mysterium und körperlichen Genuß gewonnen. Wir waren eine Frau und ein Mann, und jetzt sind wir Ejakulation, Orgasmus und eine fixe Idee. Wir sind heilig und obsessiv geworden.
… die restlose Entblößung, die jeder vom anderen fordert beim Fest der Liebe, und die Verschmelzung, die sich nur angemessen ausdrücken läßt, wenn man die Syntax verletzt: ich gebe mich dich hin, du masturbierst mich dir, saugdichmichuns.”

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