Julio Cortàzar/Emilio Urberuaga (Illustrator): Rede des Bären

 

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Sehr überrascht war ich von einem Buch, das ich zu Weihnachten geschenkt bekam. Ein buntes Bilderbuch, auf dem doch tatsächlich der Name Julio Cortàzar stand und etwas kleiner der des Illustrators Emilio Urberuaga. Der Intellektuelle Cortàzar soll ein Kinderbilderbuch geschrieben haben, unmöglich! Aber der Name war deutlich zu lesen, sogar mit dem Akzent an der richtigen Stelle. Ein rotes Tier sah man auf einem Rohr vor der Skyline einer Stadt sitzen und es schien als himmele oder heule es den Mond an. Der Titel des großformatigen Bildbandes hieß “Rede des Bären” (Discurso del oso). Ein wenig erinnerte mich die Haltung des ansonsten gutmütig wirkenden Bären an die mythologischen Figuren von Notre-Dame, die auch auf unsere unvollkommene Welt herabschauen.

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Fremd muss uns unsere eigene Welt werden, mit fremden Augen müssen wir sie neu sehen, um sie wieder schätzen zu lernen. Durch den Blick des Bären sehen wir die menschliche Welt mit den Augen eines Tieres. In der Welt der Menschen ist dieses Tier der Phantasie nur ein Geräusch. Cortàzar verfremdet in seinen kurzen Erzählungen (cuentos) ständig die Alltagsgegenstände der Menschen. Mit dem wie eine weiche Flaschenbürste durch die Hausrohre sausenden lebensfrohen und lebensbejahenden Bären hat er einen Kontrast geschaffen zum ständig einsamen und zweifelnden Menschen, der ganz in seinen menschlichen Problemen gefangen ist.

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Das Geräusch, bzw. das Tier, lebt selbstgenügsam, ausgeglichen und glücklich in seiner Welt und bedauert die Menschen, dass sie nicht durch die Heizungsrohre kriechen können. Der Mensch ist gefangen in seiner dialektischen Intellektualität, seiner Einsamkeit oder seinen Alltagsproblemen. Der Bär dagegen ist ein Sinnbild für die Freiheit vom grüblerischen Ich, das den Menschen davon abhält, das Phantastische der Welt zu begreifen, eine paradiesische Authentizität wiederzufinden. Nun kann man zu recht behaupten, diese  philosophisch angehauchte Erzählung wäre für Kinder doch nicht zu begreifen und die Sichtbarmachung des Bären als Knuddeltier für Kinder widerspräche geradezu der Intention Cortàzars. Ein Kind wird die Stadt nicht als Buenos Aires erkennen oder sich unter einer Zisterne auf dem Dach zum Baden nichts vorstellen können und überhaupt die Hintergründe der Geschichte schwerlich verstehen. Ich sehe das anders.

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Gerade Großstadtkinder, die noch nie eine Kuh gesehen haben, Tiere wenn überhaupt eher als Gefangene im Zoo kennen und natürlich den Zusammenhang zwischen einer Salami auf dem Brot und einem Schwein nicht mehr herstellen können, empfinden vielleicht durch das Mitleid des fremden Bären mit den Menschen, etwas wie Empathie für die Tiere. Denn begleitet wird der Bär in den Illustrationen auch durch eine Katze und eine kleine Maus, die man auf jedem Bild suchend finden kann. Das unheimliche Geräusch, das Gluckern und Kollern in den Rohren des Hauses ist im phantastischen Surrealismus zu einem Lebewesen geworden, das große und kleine Kinder aus ihrer Gefangenschaft der Gefühllosigkeit allen fremden Lebewesen gegenüber befreien  könnte.

Discurso del oso


Soy el oso de las cañerías de la casa, subo por los caños en las horas de silencio, los tubos de agua caliente, de la calefacción, del aire fresco, voy por los tubos de departamento en departamento y soy el oso que va por las cañerías. Creo que me estiman porque mi pelo mantiene limpios los conductos, incesantemente corro por los tubos y nada me gusta más que pasar de piso en piso resbalando por los caños. A veces saco una pata por la canilla y la muchacha del tercero grita que se ha quemado, o gruño a la altura del horno del segundo y la cocinera guillermina se queja de que el aire tira mal. De noche ando callado y es cuando más ligero ando, me asomo al techo por la chimenea para ver si la luna baila arriba, y me dejo resbalar como el viento hasta las calderas del sótano. Y en verano nado de noche en la cisterna picoteada de estrellas, me lavo la cara primero con una mano, después con la otra, después con las dos juntas, y eso me produce una grandísima alegría. Entonces resbalo por todos los caños de la casa, gruñendo contento, y los matrimonios se agitan en sus camas y deploran la instalación de las tuberías. Algunos encienden la luz y escriben un papelito para acordarse de protestar cuando vean al portero. Yo busco la canilla que siempre queda abierta en algún piso; por allí saco la nariz y miro la oscuridad de las habitaciones donde viven esos seres que no pueden andar por los caños, y les tengo algo de lástima al verlos tan torpes y grandes, al oír cómo roncan y sueñan en voz alta, y están tan solos. Cuando de mañana se lavan la cara, les acaricio las mejillas, les lamo la nariz y me voy, vagamente seguro de haber hecho bien.

 

Rede des Bären


Ich bin der Bär aus den Leitungsrohren im Haus, zu stiller Stunde klettere ich durch die Rohre, die Warmwasserrohre, die Heizungsrohre, die Luftschächte, gehe in den Rohren von Wohnung zu Wohnung und bin der Bär, der durch die Leitungsrohre geht. Ich glaube man hat mich gern, denn mein Fell hält die Leitungen sauber, unermüdlich laufe ich die Rohre ab und kenne kein größeres Vergnügen, als in den Rohren von Stockwerk zu Stockwerk zu rutschen. Bisweilen strecke ich eine Tatze zum Wasserhahn hinaus, und das Mädchen im dritten Stock schreit, sie habe sich verbrannt, oder ich brumme in Höhe des Ofens im zweiten Stock, und die Köchin Wilhelmine jammert, dass der Ofen so schlecht zieht. Des nachts wandle ich schweigsam und besonders behende, stecke den Kopf aus dem Schornstein, schaue, ob der Mond am Himmel tanzt, und sause wie der Wind in die Kessel des Heizungskellers. Und zur Sommerszeit bade ich nachts in der sterngesprenkelten Zisterne, wasche mir das Gesicht erst mit der einen Tatze, dann mit der andern, dann mit allen beiden, und habe daran unbändige Freude. Danach gleite ich mit frohem Gebrumm durch sämtliche Rohre im Haus, und die Ehepaare wälzen sich unruhig in ihren Betten und wettern, wie hellhörig die Leitungen angelegt sind. Einige machen Licht und schreiben auf ein Zettelchen, ja nicht zu vergessen, dass sie sich beschweren wollen, wenn sie den Hausmeister sehen. Ich suche den Wasserhahn, der in irgendeiner Wohnung regelmäßig offen bleibt, zwänge die Nase hindurch und betrachte das Dunkel der Räume, in denen jene Wesen leben, die nicht durch die Rohre gehen können, und ich fühle etwas wie Mitleid, wenn ich sie da so plump und groß liegen sehe, höre, wie sie schnarchen und im Schlafe reden und so allein sind. Am morgen, wenn sie sich das Gesicht waschen, liebkose ich ihre Wangen, lecke ihnen die Nase und gehe in der leisen Gewissheit fort, etwas Gutes getan zu haben.

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