Alban Nikolai Herbst: Lena Ponce

Perspektivenwechsel_
Leseprobe

Starke Erzählungen über das starke Geschlecht

Wie ein Wurm sich scheinbar zufällig durch das Holz frisst, so merkwürdig ist manchmal der Weg zu einem Autor und die Lektüre einer seiner Erzählungen. Auf diese Erzählung bin ich in dem ersten Band der neuen Reihe Perspektivenwechsel des österreichischen Verlages SEPTIME gestoßen, den ich mir aufgrund von zwei bisher auf Deutsch nicht erschienenen Erzählungen von Julio Cortázar “Fantomas gegen die multinationalen Vampire” und Roberto Bolaño “Labyrinth” gekauft hatte. Der Inhalt ist zusammengefasst etwa folgender: ein deutscher Tourist (Händler argentinischen Rindfleisches) verfällt einer argentinischen, verheirateten Frau (Lena Ponce), die ihn vor ihrem ersten intimen Beisammensein in einem Hotel zum Mord an ihrem Ehemann anstiftet. Der in seinem Wahn verstörte Liebende bemerkt scheinbar die Verrücktheit seiner Angebeteten nicht und ersticht ihren Gatten.

“Dennoch wählte ich sein Herz als Ziel, denn ich begriff, dass er das verlangen konnte. Das Messer glitt sanft wie durch Brot in ihn hinein.”

Geschickt wechselt der Autor nach diesen Sätzen die Erzählperspektive vom Ich-Erzähler ins Auktoriale und beginnt einen kurzen zweiten Teil mit der Schilderung ihres letzten, intimen Treffens in einem Hotelzimmer vor ihrer Verhaftung. Der erste, längere Teil der Erzählung, besteht aus 6 Absätzen, die immer wieder an unterschiedlicher Stelle in den zeitlichen Ablauf des Geschehens eintauchen, aber ganz aus der verzweifelten, männlichen Perspektive des von der “amour fou” ergriffenen Ich-Erzählers beschrieben werden. Dabei scheint dieser sogar das Zeitgefühl zu verlieren, denn ein Dialog der Liebenden wird Seiten später wörtlich genau wie ein Textversatzstück, nur aus anderer Erinnerungssicht, wiederholt. Beide sind verheiratet, aber die Leidenschaft macht sie sich selbst zu Fremden. Literarische Anspielungen findet man in einem Gespräch der beiden, als Lena von ihren beiden Söhnen berichtet, die Manuel und Christopher [Marlowe] heißen, wobei Lena für den ersten eigentlich Julio [Cortázar] präferierte. Außerdem variiert die Erzählung eindeutig Motive der Carmen-Novelle Mérimées, das tragisch endende Liebesverhältnis und das Erstechen des Ehemannes. Dreimal habe ich den Text nun gelesen, beim ersten Mal mit etwas Widerwillen, weil mir die Klischees des argentinischen Rindfleisches und der unterschwelligen Machismowelt Buenos Aires zu offensichtlich waren. Mittlerweile muss ich die erzählerischen Qualitäten des Autors aber neidlos anerkennen. “Wolpertinger” und Co. kenne ich (noch) nicht und die übersprudelnde Erzählerphantasie “ANH´s” mag unterschiedlichen Anklang finden. Ob kurz oder lang, erzählen kann er. In dem obigen Band haben jedenfalls lateinamerikanische und deutsche Erzählungen eine sehr interessante Mischung gefunden und auf den nächsten Band der Reihe,
“Frauen!”, darf man gespannt sein. Er erscheint pünktlich im Nobember 2010.

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