Joseph Brodsky: Erinnerungen an Leningrad

Erinnerungen an Leningrad

Maria Volpert und Alexander Brodsky
Liteiny Prospekt Nr. 24
St. Petersburg

Das war die Adresse der Eltern von Joseph Brodsky (1940-1996), als es noch eine Sowjetunion gab und die dritte Zeile müsste eigentlich Leningrad heißen, aber über die Stadt nach dem 2. Weltkrieg schreibt der seit 1972 in die USA ausgebürgerte Sohn 1976 im ersten der beiden autobiographischen Essays dieses Buches “Weniger als man”:

“Ein Überlebender kann nicht nach Lenin heißen”. (S. 9)

Er schreibt in englischer Sprache und erinnert sich an seine Schulzeit nach dem Krieg, an die Zerstörungen die er an den vielen steinernen Prachtbauten mit ihren die Kuppeln und Fenstersimse tragenden Karyatiden hinterlassen hat und im zweiten Teil des autobiographischen Berichts, der “In Eineinhalb Zimmern” (1985) heißt, auch an die Wohnung seiner Eltern. Das “Leningrad” auf dem Titelblatt erscheint uns heute befremdlich, neuere Ausgaben bevorzugen natürlich wieder Petersburg, das verkauft sich sicher besser. Eine Ausgabe von 2003 preist das schmale Bändchen dann auch als Liebeserklärung an St. Petersburg. Was den Inhalt betrifft scheint mir das nachträglich euphemistisch, denn die beiden Essays sind in erster Linie auch eine bittere Abrechnung mit dem unterdrückerischen Sowjetsystem, das ihn ausgewiesen hatte und das er mit Unfreiheit, ja Sklaverei gleichsetzt. Außerdem hieß die Stadt in der Zeit, über die Brodsky schreibt, ja sogar noch bis 1991, schließlich Leningrad.  Der ganze Inhalt reibt sich an eigenen und den lebenslangen Einschränkungen und Diskriminierungen seiner Eltern unter sowjetischen Verhältnissen, nicht zuletzt weil sie Juden waren. Die überall gegenwärtige Uniformität und Konformität, die sich zum Beispiel in den allerorts gleichen grünen Zäunen äußert, ist die eine Sache, Benachteiligungen oder Zulassungsverweigerungen z. B. bei der Mitgliedschaft in einer Bibliothek aufgrund jüdischer Abstammung eine andere. Der während des Krieges von Finnland bis China in der Marine kämpfende Vater durfte ab 1950 aufgrund seiner jüdischen Abstammung kein Offiziersamt mehr bekleiden und bekam auch in seinem Zivilberuf als Journalist und Fotoreporter nur schwer wieder eine Anstellung. Aber der Reihe nach:

Wenn ich ein Buch aufschlage und zu lesen beginne, dauert es meist nur eine oder zwei Seiten und ich weiß, ob ein Autor oder eine Autorin mich gefangen nehmen kann. Als ich den Band wieder aus dem Regal zog, der dort mit dem Lyrikband “Römische Elegien” zusammen stand, hatte ich sofort das Gefühl hier erzählt jemand intellektuell und philosophisch auf hohem Niveau, und versteht die Sprache, das Leben und das Denken als künstlerisches Material, das es wie seine Gedichte zu formen gilt. Lesen und sich die Welt auch durch Worte erschließen wird so zu einer Art Lebenselixier. So schreibt er denn auch, dass für seine Generation Literatur und Kultur zu einer Art Bollwerk gegen die banale sozialistische Realität wurden, die zu ständigen Lügen zwang. Giotto und Mandelstam, Dickens, Faulkner oder Hemingway bestimmten die Kontroversen untereinander:

“Dickens war wirklicher als Stalin… Mehr als irgendetwas anderes beeinflußten Romane die Art und Weise unseres Verhaltens und unserer Gespräche…”

Schon als Jugendlicher hatte er die geforderte Anpassung in der Schule als unerträglich empfunden und sie bereits mit fünfzehn verlassen. Er arbeitete dann unter anderem als Maschinist in einer Fabrik, danach in der Pathologie eines Krankenhauses und bewarb sich auf den Spuren seines Vaters auch bei der Marine, wurde aber auch dort wie in einer der Bibliotheken wegen seiner jüdischen Nationalität nicht aufgenommen. Seine Bildung zog er vor allem aus dem Selbststudium von Büchern, nachdem es ihm doch gelang bei anderen Büchereien Mitglied zu werden.

Was mich an dem schmalen Band aber fasziniert hat, sind nicht diese äußeren Lebensstationen oder der ständige Antagonismus Russisch-Englisch oder USA-Sowjetunion, sondern die Art seiner narrativen Bewegung durch den Stoff. Sie ist eine induktive, weil sie von kleinen Details wie das Parkett der anderthalb Zimmerwohnung seiner Eltern ins Allgemeine wandert. Vom Fußboden weiten sich seine Gedanken im Selbstgespräch über die ganze Stadt mit ihren Flüssen und Gebäuden bis zum Tod der Eltern. Das Verdikt der Mutter, diesen wertvollen Boden nur mit Hausschuhen zu betreten, behält er sogar auf den jetzt “kanadischen Ahorndielen” bei. Das einzelne Erinnerungsbild ist immer wieder Ausgangspunkt für philosophische Betrachtungen, in denen er auch den Sinn seines eigenen Schreibens hinterfragt. Zentrum der Motivation seines Schreibens aber ist das Schuldgefühl, die letzten zwölf Jahre seiner nun verstorbenen Eltern nicht bei ihnen gewesen zu sein, nachdem man auch ihnen die Ausreise zum Besuch ihres Sohnes in den USA verweigert hatte. Der zweite Essay dient so auch der Rekonstruktion des Lebens seines Vaters, den er bewundert und seiner Mutter, die er geliebt hat, um ihnen wenigstens ein schriftliches Denkmal zu setzen. Es geht um Räume, Orte, Gegenstände, ein riesiger Schrank und das Bett seiner Eltern, von denen aus die Lebenszusammenhänge jener Nachkriegszeit beschrieben werden. Ein gutes Beispiel, wie er über die beengten Raumverhältnisse philosophiert ist diese Stelle:

“Sollte es eine Unendlichkeitsvorstellung von Raum geben, dann ist es nicht die seiner Expansion, sondern seiner Reduktion. Schon allein darum, weil die Reduktion des Raumes, seltsam genug, immer kohärenter ist. Sie ist besser strukturiert und hat mehr Namen: Zelle, Wandschrank, Grab. Ausdehnungen haben nur einen großspurigen Gestus.”

Das ist natürlich auch eine Anspielung auf seine eigene sechsjährige Inhaftierung. Neben der sich durchziehenden Systemkritik schimmert oft eine Wehmut durch den Text, dass man jene Zeit mit den Eltern, die schließlich auch die Ursache der eigenen Existenz waren, nicht wieder herstellen kann.

Viele einzelne Anekdoten durchziehen den Text, die manchmal witzig charmant herüberkommen, aber auch Bitterkeit ausdrücken. Als er zu schreiben beginnt, wird eine Art Arbeitsbereich für ihn in dem großen Raum seiner Eltern mit Kommode und Stoffen provisorisch abgetrennt und immer wenn er ungestört mit einem Besuch bleiben wollte, spielte er Bach auf dem Grammophon bis es die Eltern nicht mehr hören konnten. Dann wird dagegen das grausame Bild eines Krüppels im Krieg evoziert, den man wegen Überfüllung nicht auf den Zugwaggon aufspringen lässt, was ihm zu einer Metapher für die allgemeine Repression gegen Juden wird. Beide Essays sind ein Kampf gegen das Vergessen. Gegen das Vergessen der Tränen seiner Mutter, die endlich nach ununterbrochener Berufstätigkeit in ein Sanatorium fahren will und vom Bahnhof zurückkommt, weil ihr das ganze Geld gestohlen wurde oder einfach nur um die bleibende Erinnerung an die strahlende Marineuniform seines Vaters wach zu halten, den er als späteren Fotoreporter in einem Sommergarten stehend erinnert.

Über die Kosenamen seiner Mutter schreibt er:

“Wir nannten sie »Marusja«, »Manja«, »Manetschka« (Diminuitive meines Vaters und ihrer Schwester für sie), und »Masja« oder »Kissa«, das waren meine Erfindungen. Im Lauf der Zeit würden die beiden letzten häufiger gebraucht, und sogar mein Vater fing an, sie so anzureden. Außer »Kissa« waren diese Kosenamen alle Diminuitive ihres Vornamens: Maria. »Kissa« ist ein schmeichelhafter Ausdruck für eine Katze, und längere Zeit sträubte sie sich dagegen, daß man sie so nannte. »Untersteh dich, mich so zu nennen!« rief sie wütend. »Und überhaupt, hör auf mit all deinen kätzchenhaften Kosenamen, sonst kriegst du schließlich ein Katzenhirn.« Das bezog sich auf mein Faible als Junge gewisse Wörter, deren Vokale dies zuließen, katzenhaft zu artikulieren.”

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Der erste Essay erzählt Kindheit und Jugend mehr oder weniger chronologisch, während der zweite aus fünfundvierzig Gedächtnisskizzen, die sich ineinander verschachteln, gebildet ist. Viele andere Schriftsteller und Künstler werden erwähnt, die bewunderte Anna Achmatowa, die mit einem Gedicht zitiert wird, oder auch W. H. Auden, der ihm nach der Emigration in Wien weiterhalf. Es ist auf den nur gut hundert Seiten ein sehr reiches Buch, das sich wirklich zu lesen lohnt. Ich empfehle es nicht im Kontext von Emigration, jüdischer Diskriminierung oder politischer Anschauungen, egal welcher Couleur, sondern als ein literarisch besonders gelungenes Beispiel autobiographischer Erinnerung.

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