Alice Munro: Über die Erzählung “Manche Frauen” aus dem Band “Zu viel Glück”

Alice Munro_Zu viel Glueck

Was bleibt nicht alles ungelesen verborgen bis man durch andere literarische Entdeckungen machen darf. Den Namen Alice Munro hatte ich schon gehört, aber der Band “Zu viel Glück”, aus dem die Erzählung “Manche Frauen” stammt, ist meine erste Begegnung mit der kanadischen, inzwischen 82jährigen Autorin. Zunächst wollte ich über den ganzen Band schreiben, aber nun habe ich mich ziemlich willkürlich auf diese eine Kurzgeschichte konzentriert und werde an ihr versuchen, den Geheimnissen ihres herausragenden Schreibens etwas näher zu kommen. Die zehn Stories sind meist dreißig bis vierzig Seiten lang und haben entweder eine weibliche Protagonistin bzw. ein Paar zum Mittelpunkt, das überwiegend aus weiblicher Perspektive beschrieben wird. Frauenliteratur hieße daraufhin das am meisten gefällte Urteil, aber es täte der Autorin entschieden Unrecht, denn ihr Einfühlungsvermögen beschränkt sich bei weitem nicht auf Frauen, sondern auf jede Form menschlicher Interaktion, egal welchen Geschlechts. Die Sensibilität für das Leiden von Frauen unter männlicher oder gesellschaftlicher Repression kann man ihr ja nicht zum Vorwurf machen. Harmlos und beiläufig fangen die Kurzgeschichten an und man hat das Gefühl, sie könnten in der Nachbarschaft passiert sein, bis sich langsam eine Art Ungemütlichkeit einschleicht, ein ungutes Gefühl, so als könne gleich bei aller Alltäglichkeit ein Unfall passieren. Wir lesen zunächst wie Blinde aus einem verschwommenen Blickwinkel heraus, der gleiche mit dem wir alle durch unser Leben marschieren müssen, in das unbekannte Geschehen unserer Zukunft hinein. In den grandios konstruierten Erzählungen aber werfen die Protagonisten meist einen Blick über ihre Schultern zurück in ihre eigene Vergangenheit.

So ist auch die Erzählung “Manche Frauen” (Some women) von zwei Sätzen eingerahmt, wie die Vorder- und Hintertür eines Hauses, durch die eine namenlose Ich-Erzählerin in ihre Vergangenheit als dreizehnjähriges Mädchen eintaucht. “Es verwundert mich manchmal wie alt ich bin.”, dieser  wunderschön lapidare Anfangssatz und der noch kürzer geratene melancholische letzte: “Ich wurde erwachsen und alt.” Den Reiz gewinnt sie nicht zuletzt durch die bewusst gewählte naive Perspektive der noch pubertierenden Erzählerin. Nur gelegentlich scheint die Altersweisheit der sich Erinnernden durch. Wie fast in jeder Geschichte beginnt Alice Munro mit einer einzelnen Situation oder wie in diesem Fall einem Erinnerungsbild an die Straßen einer wohl kanadischen Kleinstadt, in der die Erzählung spielt. Auf diesen schon weit zurückliegenden Schauplatz werden wir gleich im ersten Absatz hingewiesen mit der Bemerkung, dass die Mädchen breite Wespentaillengürtel und Petticoats trugen, ein deutlicher Hinweis auf die fünfziger Jahre. Nach und nach macht uns die junge Erzählerin mit dem typischen Interieur einer begüterten, konservativen Upperclass-Familie bekannt, für die Bedienstete wie eine Masseurin oder ein Gärtner eine Selbstverständlichkeit sind und wo der verheiratete Sohn Bruce und seine Ehefrau Sylvia als Paar mittleren Alters noch immer mit seiner Stiefmutter Dorothy unter einem Dach wohnen. Solche Konstellationen waren damals alles andere als unüblich und wie auch hier resultieren emotionale Animositäten daraus.

Der Sohn ist an Leukämie erkrankt und im oberen Stock des Hauses bettlägerig. Sylvia ist Lehrerin und hat sich für ihren Beruf und ihre Unabhängigkeit entschieden, anstatt als pflegende Ehefrau zu Hause zu bleiben. Eine typisch selbstbewusste, sich emanzipierende Munrofigur, die aber ziemlich im Hintergrund bleibt. Deshalb ist die Stiefmutter Mrs. Dorothy Crozier, die ein strenges Regiment in Haus und Garten führt, wie auch die übrige Gemeinde, nicht gut auf sie zu sprechen. Die 13jährige Erzählerin wird als zusätzliche Pflegekraft für den Leukämiekranken zwei Tage in der Woche eingestellt, um kleinere Bringdienste zu verrichten. Mit ihren Augen erfahren wir von dem Geschehen in dem herrschaftlichen Anwesen, vor allem als die Masseurin Roxanne sich nicht nur um die Stiefmutter kümmert, sondern auch den Kranken im oberen Stockwerk zu pflegen beginnt. Sie ist eine recht ungebildete Tochter eines Autoschlossers, dafür aber mit einem Frohsinn und lockerem Mundwerk gesegnet, was sowohl den Kranken als auch seine Stiefmutter des Öfteren amüsiert. Zum Teil witzige Dialoge wechseln sich mit verstörenden Beobachtungen der Dreizehnjährigen ab, die zum Beispiel vom Anblick des verwelkten nackten Körpers der zu massierenden alten Mrs. Crozier oder dem langsam verfallenden ihres Sohnes schockiert ist. Sie spürt, das es eine Art Allianz zwischen der alten Dame und ihrer Masseurin gegen die missbilligte Schwiegertochter Sylvia gibt. Zum anderen gibt es Andeutungen, dass der todkranke Bruce auch sexuellen Gefallen an Roxanne findet und sie ihm möglicherweise auch letzte körperliche Freuden unter der Bettdecke verschafft haben könnte. Das junge Mädchen macht also in einer durch Missgunst aufgeladenen Atmosphäre das erste Mal die unbewusste Erfahrung der Verknüpfung von Eros und Tod. Bruce lehnt sich in einer letzten bedeutungsschweren Handlung gegen die Vereinnahmung durch seine Stiefmutter und der so lebensfroh polternden, aber wohl auch auf den eigenen Vorteil bedachten Roxanne auf. Er gibt ihr den Zimmerschlüssel mit der Bitte, ihn einzuschließen und den Schlüssel nur seiner Frau zu geben, was man als eine Entscheidung für die Liebe und gegen die Stiefmutter oder die aphrodisierende Wirkung Roxannes werten könnte.

In jeder Erzählung Alice Munros erhält der Leser schließlich eine Art Bedeutungsschlüssel, der uns wie in dieser Geschichte wortwörtlich die Tür zu Erkenntnis eine kleinen Spalt aufschließt. Allerdings hören wir nur den “Turn of the key (screw)”, im innersten Zimmer bewahren die Geschichten ihr Geheimnis, das die Autorin vermutlich selbst nur ahnt, denn wer durchschaut schon die eigenen Beweggründe seines Schreibens. Der Coup mit der Schlüsselübergabe gelingt und seine Frau Sylvia bringt ihren Mann weg in ein Ferienhaus, wo er am Ende des Sommers stirbt. Der alten Mrs. Crozier wird es zu bunt mit Roxannes Aufdringlichkeit und sie entlässt sie.

Mit wenigen Pinselstrichen gelingt es Alice Munro immer wieder, ein Beziehungsgeflecht, ein Familienpanorama zu beschreiben. Nebenbei wird das ganze Sozialgefüge einer Kleinstadt beleuchtet wie ein kleines Biotop. So gern sie wohl auch eine Zeit lang versuchte Romanschriftstellerin zu werden, in ihrem Stil ist ihr eine perfekte Komprimierung auch so gelungen, denn sie schafft es, ein ganzes Romangeschehen manchmal in einen einzigen Nebensatz zu packen. Die Titel der Erzählungen kommen meist als exponiertes Wort selbst darin vor. Sie wecken Neugier, verraten aber nicht zu viel. Hat man sich mit einer Erzählung gut unterhalten, scheint man sie trotz des Genusses auch schnell wieder vergessen zu können. Das ist aber eine Täuschung, denn sie reizen das Unterbewusstsein gerade mit ihrer Offenheit dazu, immer wieder gelesen und neu entdeckt zu werden. Vielleicht vermisste ich manchmal eine etwas opulentere, lyrisch klingende Sprache, im englischen Original mag das anders klingen. Es ist ein einfacher und realistisch nüchterner Erzählton, trotzdem gelingen ihr erstaunliche Vergleiche, z. B. beim Blick auf den nackt massierten Körper der alten Dorothy:

Ein hagerer Streifen bleiches Fleisch. Das sonst bekleidete Stück ihres Körpers war gelbweiß, wie Holz, das gerade entrindet worden ist. 

oder die Wirkung von Roxannes fehlender Bildung auf den kranken Bruce betreffend:

Ihr Unwissen bereitete ihm einen Genuss, der ihm auf der Zunge zerging wie ein Sahnebonbon.

Was den Aspekt “Frauenliteratur” betrifft, könnte man schlicht sagen, dass die Männerfiguren insgesamt wesentlich schlechter bei ihr weg kommen als die Frauen. In der Mitte der zehn meisterlichen Erzählungen erfasste mich etwas Überdruss. Nicht schon wieder ein repressives, gewalttätiges Männerexemplar, als wären sie die Quelle allen Unglücks allein. Liest man jedoch unvoreingenommen weiter, wird eine solche Betrachtungsweise dem weiten erzählerischen Blick einengend nicht gerecht. Was das Porträtieren aller Figuren angeht, erweist er sich von einer bestechenden Universalität. Der in “Manche Frauen” auftauchende Schlüssel wird von der jungen Erzählerin übrigens bezeichnenderweise in einem Buch versteckt, Manzonis “I promessi sposi”. Vielleicht ein ebenfalls versteckter Hinweis, das  Bruce und seine Ehefrau Sylvia kurz vor seinem Tod doch noch zueinander finden.

Alice Munros Erzählungen haben mich erneut für diese Erzählform sensibilisiert. Meister darin waren bereits viele. In meinen Regalen finden sich die Erzählungen Kafkas, Thomas Manns, Borges und auch ein Erzählungsband Tschechows, mit dessen Stil sie so gern verglichen wird. Ob zu recht, müsste ich erneut prüfen.     

2009 erhielt Alice Munro den Man Booker International Prize für ihr Gesamtwerk. Die Qualität ihres Schreibens weist sie auch ohne Nobelpreis als eine unvergleichlich große Erzählerin aus, die den oben genannten Männern in nichts nachsteht.
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Eine eher kritische Rezension von Gregor Keuschnig über den Erzählband “Zu viel Glück”
Kurzbiographie auf FemBio
Ausgaben bei Fischer und der Büchergilde

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