Kindheitserinnerungen aus der Anstalt

Meyerhoff_Wann wirdDer Schauspieler des Wiener Burgtheaters Joachim Meyerhoff war mir schon bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur 2013 mit seiner Lesung aufgefallen, mein kurzer Beitrag dazu hier. Kindheitserinnerungen sind sicherlich nichts Neues in der Literatur. Meyerhoff wählt die Ich-Form für seinen Roman und es ist klar, dass ein achtjähriges Kind als Protagonist nie selbst in der Lage wäre, die Szenen seiner Kindheit so sprachlich präzise zu inszenieren und zu formulieren. Mit einem ganz großartigen und scheinbar lapidaren Satz beginnt der Roman: “Mein erster Toter war ein Rentner”. Schon im ersten Absatz werden uns dann  Adjektiv und Adverb zur Beschreibung der grundsätzlichen Erzählhaltung geliefert: “so heiter, so verzweifelt”. Das klingt ein wenig nach dem Beispiel “bittersüß”, dem Widersprüche und Gegensätze bindenden rhetorischen Stilmittel des Oxymorons. Aber so kompliziert theoretisch konstruiert wirken die einzelnen Kapitel gar nicht, eher süffig, amüsant, mit dem nie fehlenden Spritzer Zitronensaft einer Traurigkeit, die um Tod und Verlust nur allzu gut weiß. Die Kapitelüberschriften sind kurz und prägnant, selten mehr als drei Wörter lang und beziehen sich meist auf den Hauptgegenstand der jeweilig geschilderten Anekdote eines besonderen, familiären Ereignisses. Das Anekdotenhafte birgt jedoch immer auch tiefmenschliche Grundfragen. Hinter dem Humor steckt die Vergänglichkeit und der Tod. Es ist das Wissen darum, dass die Familienbande, das heraufbeschworene Bild der Eltern, vor allem das des Vaters und Direktors der Anstalt, und der zwei Brüder zerreißen wird. Was die Familienmitglieder betrifft, schwankt der Ton zwischen der Anklage erlittener Zurücksetzungen und liebevoller Erinnerung, diese Gratwanderung gelingt sowohl in der Melancholie, als auch im Witz.
Der zunächst absurd erscheinende Titel des Buches trifft die poetische Programmatik indessen exakt. Ein älteres Ich arbeitet seine autobiographischen Kindheitserinnerungen künstlerisch auf, und ist sich dabei bewusst, die Sehnsucht nach Verhältnissen zu beschreiben, die es so tatsächlich natürlich nie gegeben hat, die der Erzähler aber hofft, durch das Erzählen selbst in dieser Ambivalenz neu wieder herzustellen. Nur an einer späten Stelle auf S. 348 reflektiert der Erzähler diese Position selbst und auch der Zeitraum der erzählten Zeit vom achtjährigen bis zum vierundzwanzigjährigen wird dann deutlich:
“Es kommt mir mehr und mehr so vor, als wäre die Vergangenheit ein noch viel ungesicherterer, weniger verbürgter Ort als die Zukunft. Das, was hinter mir liegt, soll das Gesicherte sein, das abgeschlossene, das Gewesene, das nur darauf wartet, erzählt zu werden, und das vor mir soll die sogenannte zu gestaltende Zukunft sein?
     Was, wenn ich auch meine Vergangenheit gestalten muss? Was, wenn nur aus einer durchdrungenen, gestalteten Vergangenheit so etwas wie eine offene Zukunft entstehen kann? Es ist ein bedrückender Gedanke, aber hin und wieder kommt mir das Leben, das noch vor mir liegt, wie eine für mich maßgeschneiderte, unumgänglich zu absolvierende Wegstrecke vor, eine Linie, auf der ich vorsichtig bis zum Ende balancieren werde.
     Ja, daran glaube ich: Erst wenn ich es geschafft haben werde, all diese abgelegten Erinnerungs-Päckchen wieder aufzuschnüren und auszupacken, erst wenn ich mich traue, die scheinbare Verlässlichkeit der Vergangenheit aufzugeben, sie als Chaos anzunehmen, sie als Chaos zu gestalten, sie auszuschmücken, sie zu feiern, erst wenn alle meine Toten wieder lebendig werden, vertraut, aber eben auch viel fremder, eigenständiger, als ich mir das jemals eingestanden habe, erst dann werde ich Entscheidungen treffen können, wird die Zukunft ihr ewiges Versprechen einlösen und ungewiss sein, wird sich die Linie zu einer Fläche weiten.”
Der ungewöhnliche Schauplatz einer psychiatrischen Anstalt verleiht den ansonsten relativ unscheinbaren, beinahe exemplarisch wirkenden Familienereignissen in der norddeutschen Kleinstadt Schleswig eine Skurrilität und stellt das Erinnerte auf ein erhöhtes Podest. Immer wieder blitzen in dem Erzählten Momente auf, mit denen sich fast jeder in seiner eigenen, allerdings schon etwas zurück gelegenen eigenen Familiengeschichte der siebziger Jahre identifizieren könnte. Der Humor hebt das Banale daran auf eine bühnenhafte Ebene.
Erzählt man das Leben am besten als Clownerie, weil es sowieso nur ein Witz oder zumindest nur als solcher zu ertragen ist? Das Lachen als spezifisch menschlicher Gemütsausdruck beinhaltet das ganze Spektrum der Psyche. Es ist mehr als nur ein witziges, es kann traurig sein, verächtlich, gemein, widerlich, aufbegehrend, befreiend, kleinlich usw., also ein allumfassendes Gefäß menschlicher Gefühlsregungen.
Man könnte den Eindruck gewinnen, dieser autobiographische Schreibansatz fände nur deshalb Anerkennung, weil das real Erlebte eine zusätzliche Beglaubigung der Authentizität des Textes sei. Aber dieser Eindruck täuscht. Ein Text ist weder deshalb stimmig und gut, weil er zu hundert Prozent empirisch erlebt ist, noch ist er es, weil er zu hundert Prozent fiktiv ist. Die Literatur wird kleiner, reduzierte man sie auf diese zwei Extreme. Literatur ist immer medial vermittelt, aus Phantasie und Erfahrung neu entstehendes Konglomerat, das zwischen den gedacht linearen Enden dieser Skala hängt und sich dort an welchem Punkt auch immer neu zusammensetzt und hoffentlich künstlerisch erfindet. Ein Streit oder eine Polemik, welches Ende des Gedankenstrichs, die reine Fiktion oder die maximale Authentizität einen höheren literarischen Wahrheitsanspruch genießen würde, ist müßig, weil es die beiden Enden in Reinkultur nicht gibt und die literarische Dialektik, sowohl auf Erfahrung und Phantasie zurückgreifen zu müssen, absurderweise negieren zu müssen meint.
Auch Meyerhoff schafft sich seinen literarischen Mehrwert gerade durch die Transposition des Autobiographischen ins geschickt sprachlich und erzählerisch Komponierte. Jedes Kapitel wirkt durchdacht konstruiert und verdichtet sich am Ende auf eine resümierende Pointe hin. Zwischendurch gibt es gelungene Apercus eines immer auch tiefgründigen Humors. Ein autobiographisches Schreiben erfüllt wohl auch den psychotherapeutischen Effekt einer Katharsis, Literatur indessen darf es sich nur nennen, wenn es sich der sprachlichen Konstruktion seiner selbst bewusst ist. Wenn klar ist, dass Fiktion geschaffen wird und das empirisch Erlebte nie mit dem Erzählten deckungsgleich sein kann und auch nicht soll. Alles Erzählte bleibt nur ein Traum von dem, was uns im Innern drängte, erzählt zu werden.
Gerade in dem amüsant geschilderten Scheitern des Vaters an jeglicher Praxis, (z. B. im spektakulären Durchfallen bei einer Segelscheinprüfung) in dieser seiner vom Kind allmählich entdeckten Unvollkommenheit, setzt ihm der Sohn nachträglich ein liebevolles Denkmal, allerdings ohne ihn auf einen patriarchalischen Sockel zu heben oder ihn übermäßig trotz seiner Schwächen zu idealisieren. Was das erst spät entdeckte notorische Fremdgehen betrifft, liegt die Solidarität des Erzählers auf Seiten der Mutter, aber der Erzähler ist so klug, gar nicht erst den Versuch zu machen, seine Eltern auseinander dividieren zu wollen. Von diesen großen und kleinen Schwächen wird dann auch in einer genauen und verständlichen Sprache erzählt, wobei in der schlichten Erzählweise geschickt eingestreute Metaphern poetisch aufblitzen und die glaubhaften Charaktere (eine nie zu vernachlässigende Essenz jedes Romans) nicht zuletzt durch ihre Umgangssprache plastisch werden. Wer allerdings den elaborierten, philosophisch-intellektuellen Höhenflug sucht, ist an der falschen Adresse. So taucht mir z. B. die oben zitierte Selbstreflektion des Erzählers ein wenig zu selten auf und sie hätte mancher Minianekdote in der Mitte gut getan. In dieser stellte sich bei mir dann auch mal eine Art Abnutzungseffekt des anekdotenhaften Humors ein und nach meiner Meinung hätte es dem Roman nicht geschadet, wäre er im Mittelbau fünfzig Seiten kürzer gewesen. Einige kurze Kapitel erreichen die Spannung der ersten und letzten nicht mehr. Etwas Befremden lösten bei mir zwei Kapitel mit ausgedehnten Schilderungen vom Tod zweier Tiere aus, weil sie zwar auch den Schmerz spüren lassen, allerdings selbst die Trauer noch rational oder humorvoll zu wenden versuchen. Über den Tod von Tieren scherzt man ebenso wenig, wie über den von Menschen.  
Insgesamt ein gelungener und trotz seiner Unterhaltsamkeit tiefgründiger Roman, der auf den letzten Teil der geplanten Trilogie “Alle Toten fliegen hoch” mit Spannung warten lässt. Am Ende steigt noch einmal der Spannungsbogen und es zeigt sich, dass wir von einem Leben nie genug wissen, als dass es nicht auch nach dem Tod noch für eine Überraschung gut ist.
Die ersten drei Kapitel als Leseprobe bei Kiepenheuer & Witsch

Das zweite Kapitel: “Zuhause in der Psychiatrie” bei “ZehnSeiten.de”
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