Jutta Pivecka: Punk Pygmalion

Jan Vermeer_Briefleserin am offenen FensterDas kurz als Netz bezeichnete Internet steht bekanntlich als Synonym für eine vielfältige Verschachtelung und Verlinkung. Erst beim Wiederlesen von “Punk Pygmalion” als im Februar jetzt neu erschienene dunkelgrüne, broschierte Ausgabe bei etk-books (ich hatte mich schon einmal in das Manuskript gestürzt, das mir als ein unwiderstehliches Gemisch aus bedingungsloser Liebe, Enttäuschungen und Verrat, Lügen und Leichen, sowie progressiv-englischer Musik der 80er erschienen war) wurde mir noch einmal klar, wie vielschichtig auf zwei Zeitebenen in diesem “Blog- und Briefroman” erzählt und ein Beziehungs- und teilweise brüchiges Identitätsgeflecht aufgebaut wird. Die drei Teile sind nicht umsonst mit Vornamen der drei Hauptpersonen betitelt, denn sie verweisen auf die Austauschbarkeit und Unsicherheit von Zeichen gerade in der Hyperwelt als sichere Identifier. Die vierte Hauptperson M. ist gleichzeitig Herausgeberin der Briefe, Bloggerin und Erzählerin des Ganzen. Der Briefroman bezieht wie selbstverständlich die Blogger- und Netzwelt als alternative Veröffentlichungsplattform neben den traditionellen Papierformen mit ein und spielt geradezu mit deren schon an sich unsicheren Kommunikationsstrukturen. Dem gegenüber steht eine stark authentisch wirkende Zeitreise in die Anfänge der achtziger Jahre. Das M. zur Veröffentlichung in ihrem Weblog überlassene Briefmaterial lässt die Atmosphäre der Punk-Zeit, als die beiden Jugendfreundinnen Emmi und M. gerade einmal um die siebzehn Jahre alt sind, plastisch in musikalischen Zitaten und anderen Zeitbezügen wieder auferstehen. Monolithisch im Mittelpunkt des ersten Teiles steht der seine künstlerische Freiheit nicht nur suchende, sondern mit jeder Faser seines Körpers und Geistes lebende dänische Punk und werdende Bildhauer Ansgar. Seine unangepasste Expressivität wehrt sich gegen die Vereinnahmung durch die bürgerliche Welt seines Vaters und ist gleichzeitig mit seiner Männlichkeit Faszinosum für die beiden jungen Frauen, die ihre ersten Liebeserfahrungen sammeln. Besonders Emmi gibt dem männlichen Besitzanspruch Ansgars auch in sexueller Hinsicht bedingungslos nach. Ansgar lehnt sich kritisch gegen gesellschaftliche Normen auf und oktroyiert seine Lebensauffassung Emmi auf. Sie ist sein Liebesrettungsanker gegen die Unbill der Welt und so schwingt er durchaus ernst gemeinte Hymnen auf seine Liebe und Emmi selbst, die aber immer etwas Übergriffiges und unerbittlich Egoistisches beinhalten. Der Leser schwankt zwischen Sympathie für den radikalen Charakter und ist doch gleichzeitig ob seiner Anmaßung abgestoßen. Seine Ideale bleiben im Nachklang der Hippie-Generation geprägt von Begriffen wie, sich selbst verwirklichen, zu sich selbst finden. Für Ansgar bedeutet Selbstfindung vor allem auch der eigene künstlerische Ausdruck in seiner Bildhauerei. Für die Beschreibung seines Lebensgefühls werden bewunderte Song-Lyrics von Bowie und Cale bis zur dänischen Punk-Gruppe Hüsker Dü treffsicher den eigenen Erfahrungen assimiliert. Bildhauerisches Vorbild ist der dänische Bildhauer Asger Jorn. Emmi will Ansgar unbarmherzig zur Punkerin nachAsger Jorn-1956_untitled seinen ästhetischen Vorstellungen formen, wie der zyprische Mythos vom König Pygmalion, der schon bei Ovid und in verschiedenen Variationen später literaturgeschichtliche Erwähnung findet. Seine Liebe vergöttert ausschließlich sich selbst im anderen und will ihn dem eigenen Bilde anpassen und als eigenständiges Ich zum Verschwinden bringen. Eins werden ist für seine männliche Vorstellung des Besitzanspruches und der Vereinnahmung anscheinend etwas ganz anderes als respektierende Empathie.

(Wie hilflos aneinandergeklammert und doch verloren wirken diese beiden wohl weiblichen Figuren in einer Zeichnung von Asger Jorn. Für mich korrespondieren sie mit der Umschlagzeichnung von “Punk Pygmalion” und dem verloren an einer Hand herabbaumelnden Teddybären)

Bevor ich weiter etwas zu Einzelheiten sage, will ich eine kurze Version des Romanplots mit seinen komplexen Beziehungsverwicklungen zumindest versuchen heraus zu destillieren. Anfang und Ende sind gekennzeichnet durch die beiden Frauenfiguren M. und Emmi. Schon die Eröffnungsszene des Kneipengesprächs der beiden macht klar, dass es um ihr Verhältnis zueinander und das zu ihren männlichen Liebhabern, speziell den beiden auch körperlich attraktiven Künstlern Ansgar und dessen Sohn Lars geht. Bereits als Mädchen lernen sich die beiden später beruflich arrivierten Frauen (M. ist Kunsthistorikerin und Emmi Anwältin geworden) in einer Kleinstadtnachbarschaft kennen. Während M. in einem behüteten, bürgerlichen Elternhaus aufwächst, stammt Emmi aus einer „Hippiefamilie“, in der ihre Mutter sich wenig um sie kümmert und der Vater in ihr ein „Kuckuckskind“ vermutet. Emmi und M. werden engste Jugendfreundinnen, die zwar charakterlich unterschiedlich, aber dennoch eine wie nur in diesem frühen Lebensalter vorbehaltlose Verbundenheit spüren. Dann bricht die Pubertät in die Freundschaft ein, man könnte bei Emmi sogar sagen, in ihre Liebe zu M., und entfremdet sie voneinander. Das tief schwesterlich-freundschaftliche Verhältnis wird zu einem der Konkurrenz. Es geht um den jungen, attraktiven Punk Ansgar, den, wie M. zunächst erzählt, Emmi auf einer Reise nach Berlin kennenlernte, und beide nach einem Leichenfund heftigen Sex hatten. Erst am Schluss wird der Leser mit einer ganz anderen Erzählversion konfrontiert, in der Emmi vom Gegenteil erzählt, nicht sie, sondern M. hätte mit dem dänischen Steinmetz Ansgar diese verstörende Leidenschaft erlebt und sie hätte im Namen von M. einen Briefwechsel mit diesem Ansgar weitergeführt, den M. eigentlich vergessen wollte. Hier täuscht also im Grunde zunächst jeder jeden, Ansgar glaubt, dass ihm M. schreibt, M. erzählt von einer mutmaßlichen Vergewaltigung Emmis, die sie aber laut Emmi selbst erlebt und verdrängen will. Emmi drückt einen gewissen emotionalen Neid mit ihren täuschenden Briefen M. gegenüber aus und verliebt sich zusehends auch in Ansgar, der von morbiden Todesahnungen verfolgt wird, seit er in der gefundenen Leiche am Kanal in Berlin glaubte, seine eigene Zukunft vor Augen zu haben. Diese Ménage à trois spielt am Anfang der achtziger Jahre, kein Aids, kein Internet, man ist heiß auf ungefiltertes Leben und Ansgar selbst verheimlicht, ein Kind aus einem anderen One-Night-Stand zu haben. Gleichwohl ist ihm dieser Sohn Lars wichtiger als alles und er vermacht ihm das Skizzenbuch seiner Skulpturen. Unter mysteriösen Umständen im Drogenrausch und einem möglicherweise von Emmi assistierten Suizid kommt Ansgar in Spanien ums Leben. Lars entwickelt sich zum modernen, jungen Künstler, der sich am Werk seines Vaters mit eigenem Erfolg reibt und der nun wiederum dreißig Jahre später zum Liebesobjekt für die wesentlich ältere Emmi wird, die glaubt, mit ihm die alten Leidenschaften mit seinem Vater wieder aufleben lassen zu können. M. gegenüber behauptet sie glücklich und triumphierend, nun eine Affäre mit dem angeblich noch lebenden Ansgar zu haben, obwohl es sich um dessen Sohn Lars handelt. Nachdem diese zusehends abgeflaut ist, verliert sich ihre Spur in Südfrankreich und ähnlich wie bei Ansgar, erfährt der Leser immer nur vermittelt durch Briefe und Emails, durch bewusst oder zufällig Hinterlassenes von dem Geschehen. Die letzten Äußerungen Emmis erhält M. lediglich noch als Dateien auf einem USB-Stick. In diesen spricht Emmi eigenartig in dritter Person von sich und ihren gescheiterten Gefühlen sowohl in Hinsicht auf Lars oder Ansgar, als auch zu M. selbst, deren Bild von ihr sie nie gerecht werden konnte und der sie ihre eigentliche Liebe, die zu M. selbst nie gestehen und ausdrücken konnte. Der Roman bezieht immer wieder heterogene Kommunikationsmedien wie Briefe, Blogeinträge und normale Prosapassagen nahtlos ein, verschmilzt sie zu einer Art Echtzeitgebilde, das im Kopf des Lesers fortschreitend neu variiert werden muss. Er watet wie in flüssigem Sand, der noch dazu oft von philosophischen und kunstgeschichtlichen oder religiösen Miniexkursen durchzogen wird. Authentisch dichte Erzählelemente werden abgelöst durch scheinbar fiktive, die das Hypothetische und Vorläufige in den Aussagen der Charaktere hervorheben. Auf hohem Niveau wird man in dieses ständige Vexierspiel der Protagonisten und ihrer Halbwahrheiten hineingezogen und muss aufpassen, nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Punk Pygmalion“ erweist sich als ein moderner Briefroman über Manipulation und Identitätsmissbrauch von Menschen durch Menschen, wobei die Schuldfrage, wer wen hintergeht, den anderen zum gewünschten Abziehbild zu machen, lange Zeit im Unklaren bleibt. Emmi wird das Punk-Ebenbild Ansgars, während sie wiederum aus dessen Sohn Lars den Vater wiederauferstehen lassen will. Gleichzeitig missbraucht sie dem jungen Künstler gegenüber die Identität von M., als die sie sich fälschlicherweise ausgibt. In einem „Reigen“ à la Schnitzler, in dem jeder nicht das ist, was er vorgibt zu sein, und damit auch die Kernproblematik der Internetkommunikation selbst offenbart: Der Mensch läuft Gefahr, zum Abziehbild seiner medialen Existenz zu werden. Indem der Netz-Roman dieses unsichere Terrain einerseits spielerisch aufgreift, verfolgt die bloggende und herausgebende Erzählerin M. aber gleichzeitig eine aufklärerische Tendenz, mit den dokumentarischen Erzählelementen und ihren begleitenden Kommentaren den Kern einer Authentizität und aufrichtigen Wahrheitssuche wieder herzustellen. Sie badet nicht hämisch in der allgemeinen Verunsicherung und sucht vor allem nach Ansätzen, sich auch über die eigene Verstrickung und etwaige Schuld klar zu werden. Sie versucht den verschütteten Wahrheitsgehalt der Vergangenheit künstlerisch neu zu rekonstruieren. Ein sicher unzulässiger Vergleich, aber ähnlich wie Proust in ganz anderer Erzählweise seine Zeit im letzten Band der Recherche wiederfindet, wird auch hier Erinnerung künstlerisch neu gemischt. Die einfachen Prosapassagen mit den Jugenderinnerungen von M., was Elternhäuser und die Jugendfreundin Emmi betrifft, wirken dabei sehr plastisch und nachvollziehbar authentisch. Man erkennt sich in dem geschilderten Geist und den gesellschaftlichen Verhältnissen der siebziger und achtziger Jahre sofort wieder.

Gerade aber aus der Inkongruenz der Identitäten, den inneren Zwiespälten der Figuren entwickelt sich die nie abreißende Spannung, weil immer wieder nach psychologischen Gründen für Übergriffigkeiten und Fälschungen vermeintlicher Täter gesucht wird. Licht und Schatten fallen gleichermaßen auf die handelnden Personen, als seien sie Verwandte der bildhauerischen Statuen Ansgars und Lars´. Dies erzählerisch bis zum Schluss in einer lebendigen Schwebe halten zu können, ist die eigentliche Leistung des Romans und bei aller Irritation ein Genuss für seine Leser. Die Vermittlung des Geschehens erfolgt dabei in allen drei Teilen durch gleichsam dokumentarische Medien wie die Briefe Ansgars im ersten, die Wortskizzen zu geplanten Gemälden seines Sohnes Lars und einen letzten Brief Emmis im dritten Teil.

Die zunächst moderne, aber eindeutige Adaption des Pygmalion-Stoffes, der männliche Punk Ansgar will sich seine Emmi schaffen, wird im Verlauf geschlechtsspezifisch zusehends ambivalenter, denn Emmi benutzt in der Rolle von M. den Sohn Lars genauso, um ihn seinem Vater gleich zu machen. Identitätswechsel, anmaßende Täuschungen und übergriffige Lügengespinste sind die Mittel, eigene Interessen durchzusetzen. Was sich hier Liebe nennt, hat oft die psychologische Rache an einem dritten und das Begleichen offener Rechnungen zum Antrieb. Diese Hintergründe menschlicher Beziehungen werden sehr facettenreich gespiegelt und immer im Licht einer Erfahrung, dass es dabei zwangsläufig zu gegenseitigen Verletzungen kommen muss.

Der Roman strotzt vor Lebensfülle und jede authentisch wirkende Einzelheit ist überhaupt nicht nacherzählbar, ohne den Roman selbst eins zu eins wiederzugeben. Zu Beginn hat sich Emmi gerade von ihrem Ex-Mann Björn getrennt, eine lauwarme Ehe, die nie an die Leidenschaft mit Ansgar heranreichte. M. trifft sich auf ihrer Recherche sowohl mit diesem Björn, um Näheres über Emmi zu erfahren und besucht auch die Mutter von Lars. Ein sich durch den ganzen Text ziehendes Charakteristikum ist die Herausgeberschaft von M., Briefe und Emails erscheinen wie Artefakte und im zweiten Teil beschreiben lediglich Wortskizzen für geplante Bildhauereien die erotische Beziehung zwischen Lars und Emmi. Überhaupt wird eine kunstgeschichtliche Ebene als Hintergrundspiegel oft mit einbezogen, wie etwa die Phillip Otto Runge-Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle, die in die Entstehungszeit des Romans fällt. Die editorische Rolle der Figur M. ist jedoch nicht nur eine festhaltend dokumentarische, sondern hat auch eine detektivische Funktion. Sie will wissen, was wirklich passiert ist mit Ansgar oder mit ihrer Freundin Emmi. Aufklärung scheint ihr Ziel, bis der Leser merkt, dass selbstverständlich auch sie nicht neutral und objektiv sein kann. Jeder wird Teil des großen Spiels und die Notlüge und das Irreführen auch des Lesers selbst gehören dazu. Dennoch äußert sich in dieser Art Erzählen, das schon oben erwähnt wie ein Waten im Treibsand von Unsicherheiten anmutet, mit der dokumentarischen Beschreibung ein Bestreben nach einer Wahrhaftigkeit hinter den Dingen, die nicht alle grundlos und ohne Sinn bleiben können. Der Realitätsgehalt soll nicht durch die phantastische Fiktion zugedeckt und lediglich spielerisch aufgehoben werden, sondern die Fiktion fügt der Wirklichkeit eine Dimension hinzu, die diese neu durchdringt und in vielem erst verständlich macht. Hier gibt es keinen künstlichen Antagonismus zwischen Spiel und Realität. Keine selbstgenügsame Behauptungsprosa wird aufgeführt, vielmehr eine nach erhellenden Zusammenhängen langsam sich vortastende Erzählweise. Die Erzählerin und Editorin sieht sich nicht per se als außerhalb des Rahmens schuldfrei dastehend. Die Rolle des Autors als nur noch Herausgebenden (vgl. Uwe Wirth in seinem literaturtheoretischen Aufsatz, s. Zitat), der nur noch Textbausteine in erneute Zusammenhänge stellt, enthebt ihn nicht gleichzeitig der Verpflichtung, letztlich mit seiner ganzen künstlerischen Präsenz für seinen Text einzustehen. Wirth bringt ein mir in seiner Aussage und Richtung zutreffendes Zitat Rousseaus über das Verhältnis des Autors zu seinem dokumentarischen Material:

„Unter literaturwissenschaftlichen Vorzeichen betrachtet, leitet sich die editoriale Rahmungstechnik aus der Tradition des Briefromans beziehungsweise der Manuskript- und Archivfiktion her, wobei der Editor die Funktion Autor im Sinne der Adoptivvaterschaft vollzieht. Er ist nicht der natürliche, originäre Erzeuger, sondern nimmt sich eines Findlings an. Im Rahmen dieses juristisch-diskursiven Dispositivs gibt der Herausgeber nicht nur das zusammengesammelte Material als Werk heraus, sondern er gibt dem Werk seinen Namen, wie das Vorwort zu Rousseaus »Nouvelle Héloise« zeigt:

»Wiewohl ich hier bloß des Herausgebers Namen führe, habe ich doch selbst mit an diesem Buch gearbeitet und mache daraus kein Geheimnis. Habe ich es darum ganz verfertigt, und ist der ganze Briefwechsel erdichtet? Weltleute! Was liegt Euch daran? Für Euch ist er gewiß Erdichtung. Jeder rechtschaffene Mann muß sich zu den Büchern, die er herausgibt bekennen. Ich nenne mich also auf dieser Sammlung Titelblatt; nicht, um sie mir anzueignen, sondern um dafür einzustehen.«“ (Hervorhebung von mir)

aus: Uwe Wirth: Der Tod des Autors als Geburt des Editors mit einem Zitat aus:
Jean-Jacques Rousseau: »Julie oder die neue Héloise«, München 1988, S. 5.

Briefmaterial_Fiktion oder WirklichkeitAlles erfunden oder tatsächliche Briefe, Emails und Skizzen, diese Frage stellt sich auch dem Leser von „Punk Pygmalion“, aber ähnlich Rousseaus Aussage ist die tatsächliche Authentizität zweitrangig. Wichtiger ist in diesem Fall die Absicht der Autorin, zum Teil selbst erfahrene Wirklichkeit durch fiktive Mittel in einem neuen, suchenden Licht darzustellen. Diese positive Haltung und Bewegung trotz letztlicher Unsicherheiten ist das, was sich dem Leser überträgt und bleibt. Der Begriff “für etwas einzustehen“ trifft die grundsätzliche Haltung der Autorin und ihrer Herausgeberin M. Man steht nicht für die bloße Wahrhaftigkeit einer Sache ein, sondern auch für alle Brüche, die in ihr enthalten sein mögen. Man steht sowohl für die Vollkommenheit, als auch für die Unvollkommenheiten einer Sache ein. Man geriert sich nicht als erhabener Künstler, sondern als fehlbarer Mensch.

Dieser Roman lässt seine Leser nach der letzten Seite alles andere als das Buch bedächtig zu klappen, manches Rätsel lässt er bewusst ungelöst. Verstört fragt man sich weiter, auf welche Weise Ansgar 1983 und Emmi 2012 verschwunden sind. Ja, manchmal verwischen sich die Grenzen zwischen Lars und Ansgar, M. und Emmi (M. am I) und man könnte sie für Alter Egos, Janusköpfe einer einzigen Person halten, deren eine Gesichtshälfte sich zwangsläufig auflösen musste. Im Kampf mit dem anderen, kämpfen wir immer auch mit uns selbst und sei es mit dem Teil, der wir nicht sind oder nicht sein können. In dem vom Vater verlassenen Sohn und den beiden Frauen, die eine täuschende, schlangenhafte Verführerin, die andere bürgerliche Mutter mit zwei Söhnen, könnte man auch christlich-theologische Motive vermuten. Gott als herrschendes männliches Prinzip, das der Liebe der Frauen unter sich im Wege steht und diese erdrückt. Die Frau wird in dieser Art Liebe zur Projektionsfläche und Wunschvorstellung des Mannes reduziert. Sie ist kein wirklich eigenständiges Wesen, sondern wirkt eher als Anhängsel im christlich-patriarchalen Denken. Die beiden attraktiven Männerfiguren kennzeichnet eine gewisse Allmacht und Frauen aufreißende Machohaftigkeit, ganz im Sinne eines patriarchalen Prinzips, das von der Konstellation her ein religiöses Pendant in der Vaterfigur Gottes, seines Sohnes und dem „schwachen“ Geschlecht haben könnte. Als agiere hier im modernen Gewand ein uralter Mythos, in dem die Frau wider Willen Gefangene männlichen Rollenverständnisses bleiben soll.

Punk Pygmalion“ ist ein stofflich sehr reicher Roman, der wie mit leichter Hand ein klug komponiertes Gemisch unterschiedlicher Erzähltechniken anwendet. Scheinbar schnell hingeworfen wie die Bleistiftzeichnungen am Beginn der einzelnen Teile und doch in der sprachlichen Spontanität immer durchdacht. Er schafft es, die Grenze zwischen einer netzaffinen und einer traditionellen Literatur mühelos einzureißen, bzw. deren angebliche Gegensätze vergessen zu machen. Ich wünsche diesem Roman, was ich allen guten Büchern wünsche: noch viel mehr aufmerksame Leser.

Jutta Pivecka_Punk PygmalionJutta Pivecka:
Punk Pygmalion: Roman in Briefen.
Mit Illustrationen der Autorin
Taschenbuch: 176 Seiten
Verlag: edition taberna kritika 2014
ISBN: 978-3-905846-26-3