Rainer Rabowski: Thalys-Mann. Ein Texteroid

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Lesen und Schreiben scheinen bei mir zusammen zu gehören, denn lasse ich das eine, verlässt mich auch das andere. Man findet oft beides nur zusammen wieder, vor allem, wenn man wie ich im Moment fast gar nichts mehr liest, außer Schlagzeilen am Computerbildschirm. Die machen aber auf die Dauer nicht satt; in denen verläuft man sich schal unbefriedigt wie auf einem leeren Kontakthof. Heute morgen aber, als ich kurz auf dem Bettrand sitzend eine, wie soll ich es bezeichnen, Prosa-Miniatur aus dem gemischten kleinen Gedicht- und Erzählband “Haltestellen” von Rainer Rabowski las, hat mich der Schreibimpuls wieder angeweht, wovon dies ein beschränkter Ausdruck ist. Vielleicht war es die Präzision seiner Sprache, die mich mein eigenes Schreiben jetzt wiederfinden lässt. Es handelte sich um die kleine Skizze “Thalys-Mann”. Auch wenn der Umschlag des im ungewöhnlichen Format erschienenen Quartheftes suggeriert, es ginge um die Haltestellen von Verkehrsmitteln wie Bus, Straßenbahn oder Zug, so bezeichnet dieser Titel dennoch auch das Festhalten eines zur Kunstform veränderten Gedächtnisprotokolls. Analytisch durchdrungene Beobachtungen, Eindrücke von Begegnungen, die als gespeicherte Bilder unseres Gedächtnisses, Teil unserer Identität werden. Dabei sind diese Begegnungen oft flüchtige zwischen einem Mann, der irgendwie verloren, aber nicht unbedingt einsam in diversen Verkehrsmitteln sitzt oder steht und sich und die andere(n) beobachtet. Mehr noch interessiert ihn die vergängliche verbale und nonverbale Kommunikation und das Spiel gegenseitiger An- oder Abstoßung. „Die Hölle, das sind die anderen,“ hatte Sartre in einem Theaterstück formuliert, aber das Fremde ist gleichzeitig auch immer Anziehung und Verheißung.
Der in seinen Gedankensplittern mir wie Bruchstücke eines Meteoriten ähnelnde Kurztext, an anderer Stelle von Rabowski selbst auch “Texteroid” genannt, beschreibt eine durch und durch banale Situation. An einer Haltestelle sucht eine Geschäftsfrau Kleingeld für den Fahrkartenautomat, der Ich-Erzähler kann aushelfen und entdeckt in dem Portemonnaie der Unbekannten eine Haarlocke. Diese Sentimentalität irritiert und verführt zu Spekulationen seinerseits, weil ihr scheinbar geschäftsmäßig und angepasstes Äußere mit der angedeuteten Karrieresucht nicht dazu zu passen scheint. Da menschelt doch etwas unter einer Fassade, die man gern als solche ungebrochen weiter wahrgenommen hätte. Doch diese Beobachtung ist die eigentliche Essenz der kleinen Geschichte, weil sie als Erfahrung lehren könnte, Menschen jeglicher Couleur nicht in unsere vorgestanzten Stereotype einzureihen. Kein Mensch ist auf seine Geschlechtszugehörigkeit oder sein rein Äußerliches reduzierbar.
Zunächst las ich im Titel nur den Namen eines Hochgeschwindigkeitszuges (Thalys), dann aber suggerierte mir die Erwähnung des männlichen “Reptilienhirns”, eine Assoziation mit der Hirnregion des Hypothalamus und seinen hormonellen Verknüpfungen. Selbst der Gedanke an den Kartenautomaten mit seinem Tastenfeld evoziert beim Erzähler den Begriff “smooth operating”, was sich bei mir sofort zu einem bestimmten Frauenbild aufgrund des gleichnamigen Songs von Sade kristallisierte. Vielleicht gibt es eine Erotik des Zugfahrens, ein Begehren aus der Zufälligkeit des Aufeinandertreffens und der Geschlossenheit von Zugabteilen. Ist der “Thalys-Mann” nun ein Gefangener der eigenen Hypothalamus-Reflexe oder ein sich in der Selbstwahrnehmung davon Befreiender, worin könnte das Glück dieser Begegnung liegen? Die Kunst dieses Textes aber liegt gerade darin, uns nur Gedankensplitter anzubieten, keine vagen, sondern komprimiert präzise Aussagen, in deren Zwischenräumen uns beim Lesen gar nichts anderes übrigbleibt, als sie automatisch mit unseren eigenen Bildern aufzufüllen. Der Text selbst beginnt zu oszillieren, die Eigenschaften von Menschen und Dingen übertragen sich wechselseitig aufeinander, die Wahrnehmungen multiplizieren sich noch einmal im Leser selbst.
Am Ende, wenn der Zug beginnt loszufahren, schwingt dann auch ein Bedauern des Erzählers mit, als ein Anderer nun beim Kofferverstauen der Dame behilflich sein darf. Das zunächst “Aalglatte” der Geschäftsfrau hat durch den Blick auf ihr verstecktes Souvenir eine Metamorphose durchlaufen und wird jetzt eher dem helfenden Konkurrenten zugeschrieben. Während in den Zugscheiben Landschaft und Signale verschwimmen, wird auch diese Frau zu einem flüchtigen Zeichen dafür werden, dass wir alle in den hintersten Fächern unauslöschliche Erinnerungen mit uns tragen. Einmal mehr bleibt das Weibliche “La Fugitive”.
Rainer Rabowski: Haltestellen. Mirabilis Verlag 2013
Drei weitere Texteroide aus dem Band Haltestellen: Interstate, Frau in der U-Bahn, Perversionen

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