Bolaños Besuch

Wenn er mit dem Flugzeug hier gelandet wäre, hätte er beim Anflug auf die Landebahn das kleine Dorf, in dem ich nun seit mehr als zehn Jahren lebe, sicher übersehen. Diese rechtwinkligen Flächen aus Wald und Feldern mit den Häuserflecken, durch die sich beängstigend kleine Straßen schlängeln verschlingen für den Blick von oben alles zu einem Gemisch aus unterschiedlichen Materialien und die ameisenhaften Menschen sind darin kaum zu finden. Aber Bolaño kam nicht mit einem Flugzeug, er kam von einem Ort, wo keine Flugzeuge mehr fliegen und so  war er irgendwann einfach da,  wie Tote aus unserer Erinnerung ab und zu wieder erscheinen. Plötzlich taucht das längst vergessen geglaubte Gesicht der Großmutter oder des Großvaters an ungefragter Stelle und zu einem Zeitpunkt wieder auf, wo wir nicht damit rechnen. Also stand er im geräumigen Wohnzimmer des Hauses, ungefähr so wie ein neues Möbelstück, an dessen Anwesenheit man sich erst noch gewöhnen muss. Vielleicht saß er auch wie eine Fata Morgana in dem glänzend lackierten Teakholzstuhl am Fenster, in dem nie jemand sitzt, nicht einmal die Katzen, weil er kein Kissen, sondern nur eine geflochtene Sitzfläche hat. Ich weiß es nicht genau, was ich aber sicher weiß ist, dass er da war. Die Neugier musste ihn getrieben haben, den Mann zu besuchen, der über ihn und seine Bücher glaubte etwas sagen zu müssen. Dabei interessierte ihn seine Person und wie er lebte ziemlich wenig, mehr jedoch der Beweggrund seines Schreibens.

Ich erinnere mich, dass wir uns draußen auf die überdachte Terrasse an den großen Tisch mit der Glasplatte setzten. An einem Spätsommernachmittag, den die Sonne gerade noch warm genug dazu machte. Ich trank meinen Milchkaffee wie immer. Zuerst etwas frische Milch in einen Becher, zwanzig Sekunden in die Mikrowelle und danach den quirligen Milchaufschäumer. Erst danach kam der Kaffee dazu und anderthalb Teelöffel Zucker auf den Schaum, vorsichtig verrührt, sodass in der Mitte eine Art brauner Strudel wie ein Sog entstand, der verführerisch dazu einlud, gleich davon zu kosten. Geschichten brauchen auch Schaum, dachte ich beiläufig, als ich mit den beiden Tassen durch die Glastür trat. Da saßen wir nun nebeneinander, ich mit meiner neuen, geschenkten Leber und er immer noch mit seiner alten, der Grund, weshalb er nur Tee trank.

“Warum schreiben Sie über mich und meine Bücher?”, fragte er unvermittelt, ohne sich überhaupt vorgestellt zu haben und als gäbe es kein anderes Thema.

“Vermutlich zwingt mich etwas tief in mir dazu und macht daraus ein Bedürfnis,” antwortete ich.

“Also lediglich eine Form der Selbstbefriedigung?”

“Vielleicht, der Mensch lebt an seinen Bedürfnissen entlang!”

“Wenn sie schon einmal hier sind, mich quält eine Frage. Ich erinnere mich an zwei Stellen in Ihren Büchern, wo es um eine beinahe kafkaeske Verwandlung der Hauptfigur geht. In “Zwei katholische Erzählungen” wird aus einem Priester ein Mörder und im letzten Kapitel von “2666” wird ein Soldat zum Schriftsteller. Glauben Sie wirklich ein Mensch könnte sich grundsätzlich ändern?” fragte ich in die entstandene Stille hinein.

“Es geht mehr um den Zustand, immer schon beides zu sein”, antwortete er kurz angebunden.

Grundsätzliche Zweifel waren mir, was mein Verständnis seiner Bücher betraf, beim Lesen einer argentinischen Autorin gekommen, die das lateinamerikanische Leben beschrieb. Was wusste ich schon von dem Lebensgefühl auf diesem Kontinent, von Kriminalität, Drogen und Vergewaltigung. Auch das Spanisch als eine Sprache, die ich nicht beherrschte, schuf Distanz. Seine überbordende Phantasie, Lebensläufe unterschiedlichster Menschen einfach zu erfinden, konsternierte mich. Plötzlich kam es mir so vor, als würde ich Schriftsteller lesend nicht wirklich verstehen, als würde ich mich selbst nicht verstehen können.

“Sie haben sich einmal gewünscht, mir eine gelbe Rose an mein Krankenbett gestellt zu haben, sie wollten meine Küchenschabe und ein Fetzen Papier sein, das ich dem Wind überließ. Wie soll ich es Ihnen sagen? Sie sind vielleicht ein bemerkenswerter Leser, aber Romane werden sie nie schreiben. Leider erzählen nur Dilettanten von der Art ihres Milchkaffees und Stühlen, in denen sich nicht einmal Katzen setzen.”

Seine intelligenten Augen sahen mich durch den Qualm der Zigarette, die er sich angezündet hatte, durchdringend an. Was sollte ich ihm erwidern? Dass er recht hatte? Ich blickte auf das rote Ziegeldach und den bläulichen Himmel unter der Überdachung und auf einmal kam es mir so vor, als würde ich diese Dinge ein letztes Mal sehen und vielleicht musste man auch so schreiben lernen, als wäre der Blick auf die Dinge immer der letzte.

“Sie haben die Neigung, eine Art romantischer Impuls, alles verklären zu wollen, aber Poesie ist nicht Verklärung, Wahrheit findet man nur im klaren Wasser.”

“Aber dann müsste ich jetzt zugeben, dass Sie nie hier waren”, murmelte ich kleinlaut. “Möchten sie noch etwas Tee?”

“Sicher,” sagte er, “alles ist besser als das Nichts, aus dem ich komme.”

Als ich hineinging, um noch etwas Tee zu holen, stolperte ich beinahe über den Türabsatz, aber ich bin mir überhaupt nicht mehr sicher, ob er noch auf der Terrasse saß, als ich mit der Teekanne in der Hand wieder herauskam. 

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