Miniatur 2: Die Deutschlehrerin

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In diesem altehrwürdigen Gebäude, heute die Martin-Luther-Grundschule in Northeim, bin ich einmal zur Schule gegangen. Das Tor flößte mir immer etwas Angst ein, es öffnete sich dahinter eine Eingangshalle mit einem zweiseitigen, steinernen Treppenhaus, das in die oberen Klassenräume führte. Zur Zeit, als ich dort zur Schule ging (1965 – 1974), beherbergte es noch das alte Gymnasium Corvinianum, eine neusprachliche Oberschule für Jungen, da gab es noch keine Koedukation mit der Richenza-Schule, auf die die Mädchen gingen. Lernen hatte damals auch etwas mit Leiden zu tun, allerdings entlud sich dieses manchmal auch gegen die Lehrer. Von einer solchen Erinnerung berichtete ich ebenfalls schon in einem Kommentar:

Die Deutschlehrerin

Ein deutsches Klassenzimmer. Neunzehnhundertzweiundsiebzig. Ich sitze in der zweiten Reihe, man muss ja zeigen, was man kann. Die Deutschlehrerin ist jung, nicht unattraktiv, frisch von der Uni, ich bin ein wenig picklig und spätpubertär. Draußen verblüht gerade die Flower Power und Rudi Dutschke reist wieder. Alles träumt von Veränderung der Welt, ich auch. In zwei Jahren werde ich nach Brokdorf fahren und auf der Fahrt Keith Jarretts „Köln Concert“ hören, dann Wasserwerfer. Lange Haare, ausgewaschene Jeans, schon ist man Revolutionär. Jetzt revoltiere ich noch auf der Schulbank. Goethe, Schiller, Kleist, Kafka, Benn. Ich weiß alles besser, die Lehrerin verzweifelt. Der Dialog eskaliert. Ich kämpfe um meine Wahrheit, mein Image und wohl eher damit, mich selbst zu belügen. Der Revoluzzer siegt, am Ball bleiben. Die junge Frau verliert die Beherrschung, ist aufgelöst, den Tränen nahe, so viele gute Vorsätze, ausgerechnet kein schlechter Schüler macht sie fertig, greift sie an. Sie läuft aus dem Klassenzimmer. Etwas trifft mich, ich bereue schlagartig. Eigentlich mag ich sie doch, Verwirrung. 

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