Looking back on the route “TwoSixSixSix”

Szafranski_Rheinsberg“Rheinsberg” 1912 Ill. Kurt Szafranski S. 24

Vor gut einem Jahr, als ich “2666” las, habe ich auch angefangen zu bloggen. Die Literatur hat bis heute die Funktion, mir Halt zu geben. Im Moment schreibe ich an drei Entwürfen, die Interpretation von “Lob der Stiefmutter”, ein erotisches Gipfeltreffen und den nächsten Beitrag über die Leseeindrücke von “Rayuela”. Da das aber noch eine Weile braucht, blicke ich heute noch einmal über meine eigene Schulter zurück auf meine Kommentare zu Roberto Bolaños Vermächtnis:
(Apropos, heute morgen lese ich anscheinend besonders genau. Wussten Sie, dass Tucholsky mit einem Punkt erzählen kann? Sehen sie selbst, bitte das Bild anklicken, der mittlere Absatz, erst zwei, dann drei …)

I.

Wenn ich in einem meiner früheren Leben Roberto Bolanos Küchenschabe gewesen wäre, woran ich mich zweifelsfrei aber nicht mehr erinnern kann, würde ich meine Ausführungen damit beginnen, jenen ca. 266,6 mm hohen, leicht instabilen Bücherstapel auf meinem Nachttisch zu beschreiben, der in seiner buntfarbigen Beliebigkeit Werke wie „Isabel“ von Alain de Botton, „Der Knacks“ von Roger Willemsen, „Das kleine Seeungeheuer“ von Dick King-Smith, „Warum der Schäfer jedes Wetter liebt“ von Anthony de Mello, „Proust für Gestresste“ ausgewählt von Reiner Speck, „Ein liebender Mann“ von Martin Walser, gekrönt von einem orangefarben-schwarzen Band mit einer merkwürdigen Zahl, beinhaltet und sich bedrückend riesig neben meinem Bett auftürmt, in dem ich mich gerade in dieses von Hausfrauen wenig geliebte Geschöpf verwandelt habe, ein Prozess, den ein gut bekannter deutscher Schriftsteller 1912 schon hinlänglich erforscht hat, wobei ich noch kurzkoinzident erwähnen muss, dass im gleichen Jahr ein Bilderbuch für Verliebte im Axel Juncker Verlag in Berlin Charlottenburg das erste Mal erschien und mich irgendwie an den Rhein erinnert.

  • Kurt Tucholsky: Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte. Bilder von Kurt Szafranski. Axel Juncker Verlag, Berlin 1912.
  • Franz Kafka: Die Verwandlung. 1912 entstandene Novelle.

II.
Das Leben als Bolaños Cucaracha ist trostlos und wie gern wäre ich eine gelbe Rose neben Robertos Krankenbett gewesen, in dem er vergeblich auf das wartete, was mich, der so leichtsinnig von Insekten und Blumen erzählt, sechs Jahre später glücklich rechtzeitig erreicht hat, wobei ich doch zugeben muss, Veritas hat mir dazu geraten, dass sich der Bücherstapel neben der Küchenschabe nur 155,5 mm emporhob, was für dieses Lebewesen aber dennoch ein unüberwindliches Hindernis bleibt, nicht jedoch für meine ältere, rote Katze, die oft mit „übereinandergeschlagenen Beinen“ (hervorgehoben? auf S. 41) damenhaft und mit herablassender Gelassenheit auf meinem Teppich liegt.

III.
Nachdem ich Tier und Pflanze war, möchte ich heute ein Papierfetzen sein, auf dem Bolaño einen Namen vermerkte, ihn ärgerlich verwarf und in einem Straßencafé dem Wind überließ, der ihn dahintrieb wie das Stück Papier in „American Beauty“, womit ich das Schauspiel zufälliger Schönheit gewesen wäre, deren Inhalt nie das Licht der Welt erblickte. Nebenbei bemerkt veranlasst dieses rätselhafte Buch kopflose Bibliophile wie mich, im Katalog der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek unter der Signatur 2006/2666 nachzuschlagen und den völlig veralteten Reiseführer eines gewissen H. Heine „Die Harzreise“ zu finden, um endlich einzusehen, dass das Chaos der Welt notwendig ist. Zum Verständnis der Erzählhaltung Bolaños empfehle ich die Lektüre von Edgar Allan Poe „Die Morde in der Rue Morgue“. Auf den ersten vier Seiten beschreibt er die Analysefähigkeit des „wahrhaft imaginativ Begabten“ durch einen Vergleich dreier (Espinoza, Pelletier, Morini) Spiele: Schach, Dame, Whist. Bei der Beschreibung des Damespiels geht er von einem einfachen Spiel mit „vier Damen“ (Steine, Archimboldianer) aus, bei der Beschreibung des Spieles Whist kennt der „wahrhaft imaginativ Begabte“ den Inhalt jeder Hand seiner Mitspieler (Bolaños Maler Edwin Johns S. 117). Poe bemerkt außerdem, dass der Analytiker eine Urfähigkeit habe, die bei „solchen Individuen festgestellt worden ist, deren Intellekt andererseits an Idiotie grenzte“. Außerdem ist Bolaños Hinweis auf S. 118 beim Besuch der drei männlichen Archimboldianer in der Irrenanstalt eine mehr als deutliche Anspielung auf E. A. Poes berühmtestes Gedicht „The Raven“: „In diesem Moment hörten alle den Gesang oder Ruf des Raben.“

IV.
Nachdem ich Bolaños cucaracha, rosa amarillo y un pedazo de papel war (ich kann kein Spanisch), will ich heute nun ganz imaginär ein Traumbild sein, in dem eine Handvoll Staub in einem noch nicht geschriebenen Buch wie die Sterne am Himmel dahingeworfen wird, weil am Anfang nicht das Wort war und als Mahnung an alle, über die ein Franzose zu Beginn des letzten Jahrhunderts schrieb, „es ging mir wie denen, die sich auf eine Reise begeben, um mit eigenen Augen eine Stadt ihrer Sehnsucht zu schauen und sich einbilden, man könne der Wirklichkeit den Zauber abgewinnen, den die Phantasie uns gewährt.“ Roberto Bolaño ist ein genialer, überheblicher und machohaft zärtlicher Spieler. Er spielt mit uns Lesern auf einer Wortschnitzeljagd Versteck. Erst am Schluss werden wir wohl begreifen, dass das Leben nicht anders ist: chaotisch, grausam und schön. Die Wörter eines Menschen sind wie die Sandkörner am Strand. Was weiß ein Sandkorn von der Weite des Meeres oder dem Wind in den Segeln der Schiffe? Doch mit jeder Welle, die über es hinweg rollt, verwandelt das Wasser jenes Sandkorn zu einem Teil des Meeres, zu einem Teil der Geschichte. Allein eine „inmakulare“ Nomenklatur des Namedroppings (I(n)mmaculada, unbefleckt oder befleckt) (vgl. auch die erwähnten Namen auf S. 208,232, 240,242,258), einschließlich ihrer möglichen Assoziationen ist wie der Griff eines spielenden Kindes nach den Sternen.

V.
Das Leben und die Welt ist ein „spinning wheel“. und ich will mit Worten einen Faden wiederaufnehmen, dessen Anfang und Ende ich nicht kenne. Pars pro toto, mein Blick richtet sich immer nur auf einen Teil. Ich fokussiere „Barry Seaman“ (S. 300ff). Ein „Schwarzer“, ehemaliges Mitglied der „Black Panther“ und jetzt, was könnte er anderes sein, ein Schriftsteller. Wie kann man von ihm erzählen? Ich könnte mich mit ihm identifizieren, aber eine so erzählte Lebensgeschichte wäre langweilig. Ich stelle ihn in eine Kirche, quasi „Speaker´s Corner“ und lasse ihn von sich selbst vor 5 Kerlen über 5 Themen reden, über Dinge, die die Welt zusammenhalten, autobiographisch und philosophisch aufgelistet wie in einer Enzyklopädie. Ich beginne jeden Abschnitt erzählerisch in der Er-Form und wechsele fast unbemerkt zur Ich-Form. Ich mag Muster und Zahlen und lasse ihn von 5-„geschossigen Gebäuden“ (S. 305) und 5 „Kommilitonen“ (S. 309) erzählen. Ich bin ein Magier der Worte und spiele gern mit der Erinnerung des Lesers: Der Black-Panther-Typ kann kochen und hat eine Schwester, waren die Rezepte nicht von Juana Inés? Ich lebe im Meer meiner Gedanken, ob das gefährlich ist? Aber ich heiße ja nicht umsonst „Seaman“.

VI.
Heute werde ich zu einem Gedicht Bolaños, das nicht mehr existiert. Er wusste wann er wirklich frei sein würde. Im Jahre 2666 wird seine Dichtung wohl trojanisch sein, verschollen, nicht mehr als eine Träne, dem „wässrigen Rest eines Auges hinter einem toten oder ungeborenen Augenlid, das am Ende alles vergessen hat“ (S. 1090). Aber sein Gedicht „Entre las Moscas“ verstehe ich auch als Aufruf an alle Schreibenden, frei zu sein. Der Themenkomplex Tod und Dichter erinnert mich auch an eine Stelle bei Proust: „Zweifellos würden auch meine Bücher wie ein Wesen aus Fleisch und Blut schließlich eines Tages vergehen. Doch man muss sich eben abfinden mit dem Tod. Man nimmt die Vorstellung hin, dass in zehn Jahren man selbst nicht mehr ist und in hundert Jahren die Bücher nicht mehr existieren. Ewige Dauer ist den Werken so wenig wie den Menschen verheißen.“ (Marcel Proust: „Die wiedergefundene Zeit“, S. 521)
Denn die Dichter Trojas konnten nur so sein wie ihre Zeit: Mutig, kämpfend, politisch, poetisch und frei, mitten in einem Schwarm von stechenden, scheinbar feindlichen Mücken oder Fliegen um sie herum. Noch etwas zum Thema „Verletzlichkeit“: Das Echo der Welt berührt meine verletzliche Seele. Ich schreibe Worte, die ich finde, bevor ich erblinde. Dichter sind wie Blinde, die im Meer ihrer Gedanken taumeln. Sie haben die Tendenz, sich in einem Labyrinth für Leser zu verstecken. Ihre Verletzbarkeit ist groß, sie spielen lyrisch oder prosaisch darüber hinweg.

VII.

Für R.B.

Zwischen den Seiten

X, ein trojanischer Dichter,
nach tausenden von Jahren unbekannt,
schrieb über sein Leben, seine Welt,
die nun unsere ist, die Frauen, die Gewalt, das Böse,
die Literatur aller Zeiten vor und nach ihm.

Er wollte dem sinnlosen Nichts
einen Schleier von Hoffnung abgewinnen,
er schrieb von tapferen Verlierern und ihrer Schuld.

Den Klang seines Namens singt morgen nur noch der Wind.
Seine Bücher werden an keiner Wäscheleine mehr hängen
und er konnte uns nicht einmal sagen,
ob es sie je gegeben hat:
Die freien Menschen.

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