Roberto Bolaño: Lumpenroman VI

Kapitel 5 – 16 (Resümee)

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Mit dem Adjektiv “lumpen” beschreibt Bolaño eine soziale Zugehörigkeit (vgl. auch Lumpenproletariat), die wir wohl heute vornehm als jugendliches Prekariat bezeichnen würden. Bei der bisherigen Kritik kommt der soziologische Aspekt viel zu kurz. Auf der einen Seite wird die Figur Bianca, die Unschuldige, die Weiße, die Nacht nur noch im Schmerz als blendende Helle erleben kann, im erweiterten Leser- und Erzählerraum zur Lichtgestalt stilisiert. Auf der anderen Seite neigt man dazu, die Handlung bis in jede Verästelung auf ihre Bedeutungsmöglichkeiten hin zu sezieren.
Im Prinzip wird nichts anderes erzählt, als das Erwachsenwerden einer sich selbst unsicheren Frau. Ein Reifeprozess, der sich nicht ohne zwischenmenschliche Verstrickungen, Abgrenzungen, Selbst-schuldig-werden und Verluste vollzieht. Die Bedingungen menschlicher Existenz scheinen so unveränderbar wie die gesellschaftlichen Verhältnisse, sie sind die eigentlich prekären. Der Tresor Macistes, die kriminelle Energie des Bruders, des Libyers und des Bolognesen symbolisieren den Tanz um das Herz des goldenen Kalbes der modernen Gesellschaft: das Geld. Glück ist für die jungen Männer allein in dieser harten Währung denkbar, mit ihr erkauft man sich Anerkennung wie mit einem physisch gestählten Körper. Bianca zweifelt zwar an diesen Idealen, sieht sich aber zunächst in der Rolle, ihrem Bruder und auch den beiden anderen beim Erreichen dieses Zieles zu helfen, ohne ihren Anspruch auf ihr eigenes individuelles Glück artikulieren zu können. Deshalb willigt sie ein, mit Maciste ein Verhältnis zu beginnen, um den Standort des Tresors und die Möglichkeiten eines Diebstahls auszukundschaften. Über der ganzen Erzählung hängt, nicht nur in den Gewitterwolken am Schluss eine Atmosphäre der Trostlosigkeit. Die beiden Vollwaisen sind auf sich allein gestellt, das Glück scheint nur durch Kriminalität erreichbar. Oft ist eine Frau bei Bolaño Protagonistin, die vielen unterschiedlichen Erzählerinnen in “
Die wilden Detektive” oder Clara in den “Telefongesprächen”, Auxilio in “Amuleto”, Liz Norton und Rosa Amalfitano in “2666”. Bolaño versteht es ausgezeichnet, sich in die psychische Situation seiner weiblichen Figuren hineinzuversetzen.

Wir hören allerdings eine Erzählstimme, die sich im Lumpenroman zwar dem Bildungsniveau und der Weltsicht der Erzählerin Bianca anpasst, aber die Erzählstimme ist auch gleichzeitig dem Bewusstseinsstrom im Moment des Schreibens von Bolaño selbst ausgesetzt. Wer noch keine anderen Bücher Bolaños gelesen hat, der wird bei dem Satz auf der ersten Seite “… oder auf irgendeiner anderen furchtbaren Straße im Süden” nicht viel mehr lesen als eine geographische Bezeichnung. Der “Süden” aber repräsentiert gleichzeitig die ganze lateinamerikanische und mexikanisch-chilenische Zerrissenheit Bolaños. Die Heimat ist für den im spanischen Exil Lebenden, dieses Etikett Exil, das er als schriftstellerisches Charakteristikum stets ablehnte, nichtsdestotrotz Ursprung, aber auch vor allem politischer Horror. Schon in den “Wilden Detektiven” fuhr ein voll besetzter VW-Bus an der spanischen Küste gen Süden auf einen Campingplatz, der Schauplatz von Gewalt wurde. Der Süden war nie ein sonniges Refugium für Bolaño, sondern eine Himmelsrichtung, die in die Diktaturen Lateinamerikas führte, mit all ihren “furchtbaren” Folgen auch einer kollaborierenden intellektuellen Bevölkerung.

Die Einfachheit der Erzählung hat ihren Ursprung in der assimilierten Sprache Biancas, aber auch in der bewusst gewählten Form einer kleinen Novelle. Einfachste Metaphern wie das erwähnte Gewitter, die Lücke und der Schatten des letzten Satzes erzeugen eine geheimnisvolle Ausweglosigkeit:

“… ,als wären ihre Fotos, die Mörder und das Opfer, der Mörder und die Opfer, der Hinweis, dass draußen das Gewitter noch andauerte, ein Gewitter, das sich nicht am Himmel über Rom befand, sondern in der Nacht von Europa oder im Raum zwischen zwei Planeten, ein geräuschloses und blindes Gewitter, das aus einer anderen Welt stammte, einer Welt, die nicht einmal die erdumkreisenden Satelliten einfangen können, wo es eine Lücke gab, die meine Lücke, und ein Schatten, der mein Schatten war.”

Das Böse ist aus der menschlichen Existenz nicht wegzudenken, es ist nichts Absolutes, aber mit der Natur des Menschen genauso verbunden wie seine Fähigkeit zu lieben. Bianca hat nicht zuletzt durch das sexuelle Erlebnis mit dem ungeschlachten Maciste, für den sie körperlich zwar nichts empfindet bei ihrem Liebesdienst, der ihr aber als Mensch letztlich doch nicht gleichgültig ist, neue Klarheit gewonnen. Die Nacht ist nicht mehr blendend hell. Endlich darf sie wieder im Dunkel erlösenden Schlaf finden. Für mich wird zumindest angedeutet, dass das Kind, was sie in der Jetztzeit als Erzählerin hat, von Maciste sein könnte. Schuldig aber wird sie an ihm, weil sie ihn benutzt, ihn verrät, ihn den drei anderen ausliefert, die ihn womöglich, um an das Geld zu gelangen, umbringen könnten. Sie benutzt die Lüge über den nicht vorhandenen Tresor, um endlich zu sich selbst zu finden, um ihren Bruder aus der Abhängigkeit von den beiden Untermietern zu befreien. Die ganze Geschichte hindurch war sie für alle schon die Starke, die Tonangebende, jetzt verlangt sie von den beiden auszuziehen. Sie hinterlässt zwar eine Lücke, weil sie sich aus ihrem quasi verbrecherischen Leben verabschiedet, aber den Schatten Macistes, den Schatten des Vaters ihres Kindes, an dem sie schuldig geworden ist, wird sie nie wieder los werden. So wie man das Böse niemals loswerden kann, das weiter fortbesteht. Wer würde nach der Lektüre bei dem Gewitter nicht an die andauernden Mordserien in Mexiko, die vergewaltigten und ermordeten Frauen, aus “2666” denken, auch wenn dieses Gewitter, weil die Story in Rom spielt, sich zunächst nur auf Europa bezieht? Ich stelle mir diese junge Frau in ihrer nicht erzählten Zukunft als selbstbewusst Alleinerziehende vor, nicht als in dem vermeintlichen Glück einer bürgerlichen Ehe Angekommene.

Eine etwas drastische sexuelle Beschreibung will ich noch zitieren, weil sie wieder Anlass sein könnte, Bolaño eine gewisse Kälte bei der Beschreibung sexueller Vorgänge vorzuwerfen. Sie zeugt aber nur von einer prägnanten Schilderung einer verzweifelten Beziehung zwischen zwei Menschen, vielleicht auch ein Gleichnis für das Trennende der Geschlechter, Liebe und Sex finden bei Bolaño schwer zusammen:

“Eines Nachts fragte mich Maciste, während wir miteinander schliefen, welche Farbe sein Samen habe. Ich war mit den Gedanken bei den Goldmünzen, und die Frage erschien mir aus irgendeinem Grund vollkommen passend. Ich sagte, er solle seinen Schwanz herausziehen. Dann streifte ich das Kondom ab und wichste ihn ein paar Sekunden lang. Dann hatte ich die Hand voller Samen.
”Er ist golden”, sagte ich. “Wie geschmolzenes Gold.”
Maciste lachte.
”Ich glaube nicht, dass du im Dunkeln sehen kannst”, sagte er.
”Kann ich doch”, sagte ich.
”Ich glaube, mein Samen wird mit jedem Tag schwärzer”, sagte er.
Ich überlegte eine Weile, was er damit sagen wollte.
”Mach dir keine Gedanken,” sagte ich.
Dann ging ich unter die Dusche, und als ich zurückkam, war Maciste schon nicht mehr im Zimmer. Ohne irgendwo Licht zu machen, suchte ich ihn im Fitnessraum. Dort war er auch nicht. Ich ging also in die Galerie, stand eine Weile da und betrachtete den Garten und den Schatten der angrenzenden Mauern.
In Wirklichkeit war Macistes Samen nicht golden.
Ich erinnere mich nicht mehr genau, wann mir klar war, dass ich das Geld niemals zu Gesicht bekommen, niemals Macistes Schatz für hübsche, überflüssige Dinge ausgeben würde. Ich weiß nur, dass ich kurz nach dieser Einsicht die Augen schloss und Maciste im übrigen Haus suchen ging. Ich fand ihn in der Bibliothek ohne Bücher, wo er unter dem Bild des Heiligen Pietrino von den Seychellen saß, und ich stieg über ihn und ließ mich nehmen von meinem Geliebten und Chef, für mich war das gleich, ohne etwas zu sagen und ohne etwas zu empfinden.
Als ich vor Morgengrauen im Taxi nach Hause fuhr, glaubte ich, ich würde sterben.”

Es ist als wolle er alle sprachlichen Mittel auf das Elementare zurückführen. Kurze, prägnante Dialoge, alles wirkt zurückgenommen. Eine Reduktion wie in Becketts Absurden Theater. Die Figuren sind Stellvertreter in einer immer sinnloser werdenden Welt. Gerade hierin liegt die große Kunst Bolaños, die menschliche Grundsituation, das Gefangensein des Menschen sowohl in sich selbst mit seiner Schuld, aber auch in den gesellschaftlich sozialen Verhältnissen in einer noch so kleinen Skizze festzuhalten. Diese Erzählung ist keine für den Einstieg in das erzählerische Werk, da eignen sich die “
Telefongespräche” besser. Das Kleinod kann man nur genießen, wenn man Bolaño schon kennt. Natürlich darf man es auch nicht mit “2666” messen. Wer den Nihilismus nicht aushält, für den überträgt sich beim Lesen vielleicht nur Leere, der liest über vieles hinweg. Die Hoffnung ist hier keine Romantik, sondern in der Verzweiflung versteckt.

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