Von Pfirsichhaut und Vergangenheit

“In the sun that is young once only,
Time let me play and be
Golden in the mercy of his means”

Als C. jung war und golden, schien die Sonne auf ihre Pfirsichhaut und ich verliebte mich in sie. Der Manierismus dieses ersten Satzes muss entschuldigt werden. Ich bin kein Psychopath, aber C. G. Jung hätte seinen Spaß mit mir gehabt und Dylan Thomas lächelt aus “Fern Hill” gerade in seinen Ketten herüber. Sie war vierzehn, blond, schlank und in meinen Augen schön, aber sie konnte schon damals nicht mehr wie ein Kind in die Arme ihrer Mutter laufen. Sie war eine stolze, aufbegehrende Lolita, die ihren Platz im Leben schon selbst zu finden wusste. Ein frühes Scheidungskind und auch ihr jüngerer Bruder sollte aus ihrer Sicht immer in einer bürgerlichen, anderen Welt leben.

Ein Freund von mir machte eine Tischlerlehre und goss nebenbei Kerzen, die er auf dem Flohmarkt verkaufte. Wir hörten zusammen „Die Moldau“ (leider ohne an den Prager Frühling zu denken), Mahler, Pink Floyd und Genesis. Ich muss um die fünfundzwanzig gewesen sein, ein Alter in dem man noch Grund hat, idealistisch zu sein. In seiner Werkstatt traf ich sie, mein Herz klopfte, gerade weil sie zu jung und zu hübsch für mich war. Ich schrieb ihr sehr lange Liebesbriefe, ganze Geschichten, die sie, neben anderem, wohl von meinen Gefühlen überzeugten. Sie schrieb Postkarten, die ich sammelte.

Es war die Zeit, in der mein Kopfkissen abends nach ihrem Pfirsichparfum roch und am Morgen weckte mich ihr Name. Ich verlor mich in dem Gefühl verliebt zu sein. Mein Ich, meine Gedanken, meine Seele breiteten sich aus und hatten doch nur einen Mittelpunkt. Wie gern erlag ich meinen Illusionen. Die Dinge setzte ich neu in Beziehung, war auf immer sich verändernder Entdeckungsreise. Bäume, Steine, Blumen, Menschen erschienen in einem anderen Licht und wurden wie durch einen Schleier betrachtet. Ein langer, liebevoller Blick, der ihnen ihre Freiheit ließ.

Wir wohnten in einem idyllischen Fachwerkhaus, in dem man das Öl allerdings in Kannen zu den Öfen tragen musste. Ein Winter wurde so unerträglich kalt, dass selbst dieses Öl gefror. Im Sommer machten wir ausgedehnte Spaziergänge mit unseren Hunden. Tieren, auch Katzen und zwei Unzertrennlichen in ihrem Käfig galt ihre uneingeschränkte Zuneigung. Ich war der erste, mit dem sie schlief, für mich, den Studienabbrecher fast strafbar, für sie eine eher verstörende Erfahrung.

Wir hatten uns in einer Zeit kennengelernt, als die Blumenkinder Deutschland schon längst wieder verlassen hatten und Terroristen in Hochsicherheitstrakten gestorben wurden.

Sie stand in der nah gelegenen, großen Studentenstadt vor einem Schaufenster und bezauberte mich mit einer hochgesteckten Frisur und der Grazie ihres schlanken Körpers. Die jungen Frauen trugen damals leicht fallende Röcke aus zerknittertem Stoff, und Blusen und Westen voller Sommerfarben. Sie strahlten wie Meerjungfrauen. Ich fühlte mich so viel älter als sie, was ich auch war. Unsere Liebe war mutig, trotzig, stark und hatte selbst eine Trennung überstanden, deren Ursache ihre gegen unsere Beziehung einschreitende Mutter war und sie, minderjährig, zu einem mehrwöchigen Heimaufenthalt zwang. Wir lebten bis Anfang der achtziger Jahre in einem verschlafenen, niedersächsischen Dorf, das von Wäldern umgeben in einem engen Talkessel lag.

Ich war ein hoffnungsloser Träumer, der sich für eine reinkarnierte Mischung aus den Schriftstellern hielt, die er las: Proust, Musil, Kafka, Joyce. Ich stöberte in Antiquariaten und blieb an möglichst billigen Erstausgaben wie Tucholskys „Ein Bilderbuch für Verliebte“ von 1915 hängen. Sie dagegen war zwar auch romantisch, aber auf eine zupackende, realistische Art und mit dem Stolz durch die Welt schreitend, den ihr ein adeliger Vater hinterlassen hatte. Aus beruflichen Gründen, nach meiner bibliothekarischen Ausbildung, zogen wir in die Nähe einer Großstadt, bewohnten ein kleines Siedlungshaus mit riesigem Garten, Katzen und Hunden. Sie pflegte unterernährte Igel und schlief mit anderen Männern, nachdem wir geheiratet hatten. Ich beglückte zur gleichen Zeit eine Kollegin mit meinen unwiderstehlichen Gefühlen. Kinder bekamen wir nicht. Die Welt wäre viel zu verrückt, um eigene Kinder hineinzusetzen, überzeugte sie mich. Eines Tages lag eine unserer Katzen tot am Rande der Fahrbahn. Nach zwei Jahren ließen wir uns einvernehmlich scheiden. Ich verlor mich in erneute Einsamkeit, während sie die Welt entdeckte. Sie fuhr nach London, gab in einem Hotel im Schwarzwald ein Gastspiel als Hotelangestellte, um schließlich im Süden Deutschlands eine Ausbildung als Tierarzthelferin zu beginnen. Sie hatte sexuelle Abenteuer in der Großstadt, suchte aber nach einem Mann, der ihr beides bieten konnte, Wohlstand und Abenteuer. Sie heiratete erneut (einen Autohausbesitzer, versteht sich), ließ sich wieder scheiden und suchte trotz ihres nicht geringen Selbstwertgefühls wieder Schutz in einer dritten Ehe. Mit finanzieller Hilfe von männlicher Seite, aber auch durch eigenes Durchsetzungsvermögen und ihre Tatkraft betrieb sie eine international bekannte Hundeschule (behandelte dabei aber mehr die überforderte Psyche der bayrischen Hundebesitzerschickeria), gründete einen privaten Tierschutzverein und wurde eigene Verlagschefin mit Schwerpunkt Kynologie. Von mir träumte sie schon lange nicht mehr. Ab und zu hatte sie Albträume von brutalen, machohaften Jägern, die Katzen erschossen oder quälten. Unser letztes Treffen fand in einem chinesischen Restaurant statt, das Leben hatte Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen, in meinem eigenen vermutlich auch. Unser Gespräch verlief freundlich, beide spürten wir unsere tief sitzenden Ressentiments.

Im Folgenden führten wir keine Telefongespräche mehr, wir schickten uns Emails, in denen wir das taten, was wir am Ende unserer Beziehung immer getan hatten: uns gegenseitig verletzen. Ihre Mutter hatte das Glück ihren Kehlkopfkrebs zu überleben, sie selbst blieb zeit ihres Lebens gesund, verhärtete sich aber zunehmend in einer Art Unbeugsamkeit und angestrebten Reinheit. Sie wird mich überleben, aber selbst wenn das Gegenteil einträfe, würde ich kaum von ihrem Tod erfahren.

Ich sitze sensibel und mit zu leicht verletzbarer Haut an meinem Schreibtisch, auf der Suche nach etwas, das man einfach nicht mehr finden kann. Die Vergangenheit besucht nur noch meine Träume und ein angeschossenes Tier ist kein guter Erzähler.
Ein letztes Mal lässt die Sonne flüchtige Lichtstrahlen durch das Flurfenster fallen und in den ihnen folgenden, dahinfließenden Schatten, genießen wir gemeinsam unser Schweigen.

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