Graham Swift: Ein Festtag

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Vor mir liegt die Büchergilde-Gutenberg-Ausgabe dieser Novelle, die einmal mehr fälschlicherweise Roman genannt wird. “Die Kleine Reihe” ist aktuell mit fünf Bänden wirklich klein, aber trotz des geringen Umfangs der zumeist Erzählungen in diesem Fall sogar mit einem farblich zur Schrift des Titels und den roten Lippen des weiblichen Gesichts korrespondierendem, schmalen Lesebändchen ausgestattet. Man fasst dies handliche von Cosima Schneider gestaltete Buch gern an. Die einen Ausschnitt aus dem Gemälde “Le rêve” von Tamara de Lempicka  zeigende Einbandillustration zieht den Blick unweigerlich auf sich, was von der Entstehungszeit 1927 und auch mit seiner sinnlichen Ausstrahlung inhaltlich passend ist.

Es gibt eine Art Erzählen mit leichter Hand, ein Erzählen, das beiläufig klingt, hingeworfen wie eine Aquarellmalerei und dennoch von einer durchdachten Perfektion, die neidisch machen könnte. Ein solches Erzählen findet sich in “Ein Festtag” (engl. Mothering Sunday. A Romance) von Graham Swift. So allmählich, wie ein Bild entsteht, setzen sich die Konturen des Erzählten auch erst nach und nach zu einem Panorama zusammen. Dann aber geht es weit über den unmittelbar erzählten Tag des Titels, den 30. März 1924, hinaus. Ein komplexes Bild der Beziehungen und Lebensgewohnheiten in englischen Familien der Upper-Middleclass zeichnet sich ab, wie es am Ende der Fernsehserie “Downton Abbey” mit adeligem Ambiente schon treffend beschrieben wurde. Eine Nachkriegszeit brach an, in der das große Gefolge einer kleineren, bescheideneren Dienerschaft weichen musste. 

We skipped the light fandango, turned cartwheels cross the floor” sangen Procol Harum  in “A whiter shade of pale” und auf der ersten Seite heißt das Rennpferd der Sheringhams ebenfalls Fandango, womit eins der Hauptthesen des Buches charakterisiert wird, das Leben als Tanz, als Aufforderung zum lebendig sein zu begreifen. So erschließt sich auch sofort das vorangestellte Aschenputtel-Motto: “Und Du sollst doch zum Ball gehen!” Zum lebendigen, entfesselten Tanz, den man nicht auslassen darf. Das Leben als Allegorie eines Tanzes dargestellt kenne ich nun schon aus Anthony Powell “Ein Tanz zur Musik der Zeit” und dem entsprechenden Gemälde Poussins. Meist entscheiden bereits die ersten Seiten eines Buches, ob es in der Lage ist, das eigene Interesse zu wecken und den nötigen Sog zu entfesseln, der den Leser zum Weiterlesen animiert. Das Rätsel der Anfangsseiten schien mir darin zu bestehen, festzustellen, wer die Erzählerstimme ist, die mich etwas verwirrend mit ihren Erinnerungsfetzen gefangen nahm. Ein unvermittelt eingeworfener Dialog über die Beine eines Pferdes und den Ausflug einer ganzen Familie aus Eltern und drei Söhnen, die sich daran ergötzen, ihr dahinpreschendes Rennpferd in der kühlen Morgenluft zu bewundern. Zunächst bemerkt man es gar nicht, was Swift erzählerisch geschickt veranstaltet. Der Clou dieses Bildes besteht darin, dass die sich als neunzigjährige Schriftstellerin herausstellende Erzählerin bei diesem Ereignis selbst nicht dabei war. Authentizität entsteht im Erzählen also nicht nur dadurch, dass der Erzählende aus eigener Anschauung erzählt, sondern durch das bewusste Komponieren einer Fiktion. Dieses Nicht-dabei-gewesen-sein der Erzählerin ist also ein versteckter Hinweis des Autors, auf die Entstehungsbedingung künstlerischer Wahrheit in der Literatur schlechthin, dass jeder Erzähler nur die von einem anderen eingesetzte fiktive Erzählfigur ist. Das tänzelnde, kraftvolle Pferd, die aufgehende Sonne, Swift bemüht die Metapher eines wundervollen Beginns der Welt, der Geburt eines Sommermorgens im März und der wohnt der Leser schließlich auch bei, denn die schwarzen Buchstaben der Schrift verwandeln sich in seinem Kopf zu einer Geschichte: jedes Buch ist wie der Schlüssel zu einer neuen Welt.

Nach zwei, drei Seiten wechselt Swift geschickt die Perspektive seiner erzählenden Protagonistin. Die zurückblickende Neunzigjährige erlebt wieder alles so, als ob sie noch einmal zweiundzwanzig wäre. Der aufmerksame Leser muss einen weiteren doppelten Salto vollziehen, denn das Erzählte könnte auch lediglich die fiktive Geschichte dieser alten Schriftstellerin sein, denn “eine Schriftstellerin, die der Bezeichnung würdig war, würde sie alle an der Nase herumführen, zum Narren halten, in die Irre führen.”  Diese Perspektivwechsel, dies oszillierende Erzählen erlaubt auch jegliche chronologische Sprünge, es ist, als ob man langsam in die Gedankenwelt sowohl des Dienstmädchens als auch der Autorin Jane Fairchild versinken und mit ihr immer vertrauter würde. Gleichzeitig bietet es die Möglichkeit, über den Wandel der Geschlechterrollen und gesellschaftliche Hierarchien allgemein etwas distanzierter zu erzählen, als wenn man eine streng eingehaltene zeitliche und personalisierte Erzählweise gewählt hätte. Das vergangene, weibliche Ich von 1924 wird in der erzählerischen Gegenwart reflektiert und kommentiert. Je weiter man liest, wird auch die Struktur der Erzählweise deutlich, die im filmartigen Überblenden von Gedächtnisszenen besteht. Um das Zentrum einer Bettszene im Schlafzimmer Paul Sheringhams herum gruppieren sich die Gedanken der betagten Schriftstellerin. Erinnerungsfragmente greifen manchmal der eigentlichen Handlung vor, um später wieder rückblickend ein Davor zu erzählen. Dabei können einzelne, alleingestellte und damit exponierte Sätze eine theaterhafte Präsenz hervorrufen: “Er schlug die Asche in den Aschenbecher, der ihren Bauch zierte.” Das Geschehen dieses herausgehobenen Festtages wird einerseits als subjektiv Erlebtes, andererseits als sich immer weiter vervollständigendes Gesellschaftspanorama vorangetrieben. Beeindruckend dabei der Detailreichtum und die psychologischen Nuancen in der Beziehung des heimlichen Paares. Sie zeichnen eine Entwicklung nach, die von einem billig erkauften Dienstbotenbeischlaf zu einer echten Liebesbeziehung führt.

Das ganze Setting dieser Novelle ist klug gewählt: das Gefühl der Trauer und des Verlusts durch die gefallenen Söhne zweier Familien, eine kurz bevorstehende Hochzeit, die aber mehr arrangiert, als von Gefühlen getragen erscheint. Das heimliche, sexuelle Verhältnis des einzig verbliebenen, männlichen Nachkommen mit einem niederen Dienstmädchen der Nachbarn, der Sex in seiner Körperlichkeit und Nacktheit, die engen, strengen Rituale eines englischen Verhaltenskodexes, eine Liebe, die nicht sein darf, was sie ist. Wenn es dann noch gelingt, diese Mixtur sprachlich schlicht, aber elegant in Erscheinung zu setzen… Mein Analysieren wirkt der erzählerischen Absicht entgegen, denn die vermittelt eine flüchtige Leichtigkeit des gerade Gedachten. Im Gebrauch einzelner Worte immer darauf hinweisend, das sich der Wortschatz erst späterer Erkenntnis verdankt und die junge Jay niemals in der Lage gewesen wäre, ihre Erlebnisse in ein solch sprachliches Gewand zu kleiden. An einigen Stellen lässt die Erzählerin durchblicken, dass erlebte Erinnerungen sich im Gedächtnis zu Geschichten verwandeln lassen, in die fiktive Anteile verwoben sind. Im Rückblick wird das Geschehen oft in Konjunktiven relativiert, was hätte nicht alles noch oder anders passieren können.

All diese Szenen. Szenen, zu denen es nie kommt, die aber in den Kulissen der Möglichkeiten warten.”

Es beginnt sich eine Schicht Wehmut, eine Spannung in die Atmosphäre zu mischen und der Leser gewinnt den Eindruck, irgendein Ereignis lauere im Hintergrund, auf das alles zuläuft, aber von dem er noch nicht sagen könnte, was es ist. Hitchcocks “Suspense” lässt auf etwas andere Art grüßen. Ich will das Geheimnis für zukünftige Leser hier nicht lüften, so wie sich auch die Erzählerin oder Swift sich bei der Physiognomie seiner beiden jungen Protagonisten auf keine genaue Beschreibung einlässt. Nur der dem Leser gelassene Freiraum der Phantasie lässt sie plastisch werden. Nach dem sexuellen Miteinander verabschiedet sich der junge Herr zum Lunch mit seiner Zukünftigen und Jane hat das Haus für sich, um den Rest ihrer freien Stunden zu verbringen. Sie läuft weiterhin nackt auf ihrer Erkundungstour durch die leeren Räume. Was als voyeuristische Männerphantasie anmutet, ein nackt herumlaufendes Dienstmädchen im Herrenhaus, wird hier allerdings als Akt der Selbstfindung und  Befreiung aus eben dieser Rolle inszeniert. In den 20er Jahren hätte sich das Mobiliar noch erschrecken müssen, ob dieses Anblicks einer nackt die Treppe herunter laufenden Frau, mich erinnerte es an das bekannte Gemälde “Ema” von Gerhard Richter.

Ziemlich genau in der Mitte des schmalen Bandes wird das die Novelle charakterisierende unerhörte Ereignis offenbart, das gleichzeitig eine Beschreibung der Entwicklung des Dienstmädchens zur Schriftstellerin einleitet. Der Einstieg in die Welt der Literatur über die einschlägigen englischen Abenteuerromane von Schatzinsel, Koralleninsel oder Schwarzer Pfeil scheint mir dabei den Geschmack einer jungen Frau etwas zu vernachlässigen und vielleicht eher Swifts eigener Literaturgenese geschuldet, obwohl er Janes Geschmack an Abenteuern und Jungenliteratur mit den gefallenen beiden Jugendlichen begründet. Der Spannungsbogen fällt in der Mitte etwas ab. Die Schilderung der Entwicklungsgeschichte zur Autorin hat eher etwas Selbstreflexives und ähnelt einem kleinen Proseminarkurs für angehende Schriftsteller, den Sinn von Literatur im Leben überhaupt, linguistische Grundfragen und ständigen Hinweisen auf den fiktionalen Gehalt beinah jeden Gedankens. Manchmal endet das in Plattitüden: “Dichtung und Wahrheit vermischten sich fortwährend, wechselten die Plätze”. Allerdings kehrt Swift nach einigen Seiten zunächst einmal wieder zum weiteren Verlauf des einen Festtages nach dem alles überschattenden Ereignis zurück und mischt den fast pädagogisch anmutenden Exkurs über die Literaturbedeutung und Entstehung mit dem weiteren Lebenslauf Janes. Er garniert ihn mit historischen Ereignissen, die immer mit Verlust und Tod assoziiert werden können. Im Todesjahr von Queen Victoria geboren, wird sie mit 98 Jahren 1999 sterben. Vom Ende ihres Lebens her erzählt, dienen die Negativereignisse als Wegmarken: Der Untergang der Titanic, der Tod der Suffragette Emily Davison, die Weltkriege, das Ende des 20. Jahrhunderts und zum Schluss den in das Handlungsjahr fallenden Tod von Joseph Conrad. Die Entdeckung seiner Erzählungen, “Jugend” und “Herz der Finsternis”, stellten für die Schriftstellerin einen bedeutenden Entwicklungsschritt dar.

Die Strategie, nicht alles auserzählen zu müssen und durch Andeutungen der Phantasie des Lesers Raum zu lassen, hält die Novelle auf ein kompaktes Maß. Nicht immer muss sich ein einziger Tag in eine üppige Joyce-Odyssee verwandeln. Dennoch zieht Swift in dieser komprimierten Form alle Register der Erzähltheorie. Er arbeitet mit Zeitsprüngen, wechselnden Redeweisen und führt seine Figuren wie ein souveräner Schachspieler. Was er als Grundvoraussetzung eines Schriftstellers beschreibt, das bei Conrad exemplarische Finden einer eigenen Sprache, hat er nicht nur mit diesem gelungenen Band einmal mehr bewiesen. Er hat sogar das Paradoxon fertiggebracht, dass wir ein ungeschriebenes Buch zu lesen meinen. Wer etwas melancholisch geworden ist, dass diese hervorragende Novelle schon nach 150 Seiten zu Ende ist, mag sich auf den Erzählungsband “England und andere Stories” stürzen. Die wunderbare Leichtigkeit seines Erzähltons setzt sich dort ungeschmälert fort. Bleibt nur noch der Wunsch, diesen idealen Stoff zu verfilmen, die weibliche Hauptrolle geht an Lily James.

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