Carlos María Domínguez: Das Papierhaus

Papierhaus                                                                                                                                                                                                 Shadow_line  „Im Andenken an den großen Joseph” heißt die Widmung der Erzählung des Argentiniers Carlos María Dominguez und es ist natürlich Joseph Conrad in seiner Eigenschaft als meisterhafter Erzähler gemeint, der den Stoff seiner Romane zuallererst auf seinen Seereisen als Kapitän fand. So spielt auch sein Roman “Die Schattenlinie” eine noch genauer zu definierende Rolle im  “Papierhaus” von Domínguez. Ein zweites Buch, dessen Lektüre zu Beginn die Ursache eines Unfalls wird, ist eine ältere Ausgabe der Gedichte von Emily Dickinson.  Überhaupt hat es zunächst den Anschein, als drehte sich in dieser Erzählung alles um die Liebe zu Büchern, aber auch um die zur Obsession gewordene Sammelleidenschaft des Bibliomanen, der seine Bücher nach skurrilen, formalen Gesichtspunkten ordnet, ohne sich wesentlich um deren Inhalt zu kümmern. Da dürfen dann verfeindete Autoren nicht zusammen im Regal stehen oder man behauptet, die Güte eines Buches könne man schon am Schriftbild erkennen, weil ein gutes Buch bestimmte Korridore visueller Poesie enthalte.
Mir ist aufgefallen, dass die meisten Rezensionen, auch wegen der vielen erwähnten Autoren der Weltliteratur, speziell natürlich in der lateinamerikanischen Literatur kennt sich der Autor aus, diesen Gesichtspunkt der Leidenschaft für Bücher als allumfassende Begierde im Mittelpunkt des Buches sehen. Verrückt ist der Weg, auf dem ein Buch zu uns findet meistens. Ich kaufte das Bändchen als Mängelexemplar vom Ramschtisch und wenn ich einer verrückten Philosophie eines Bibliomanen folgen würde, könnte ich das Buch von Carlos María Domínguez  ja alphabetisch in eine Reihe stellen mit anderen großen Erzählern, also vielleicht Conrad, Cooper, Cortázar. Ich will gar nicht bestreiten, dass dieses Kreisen um das Buch in seinen unterschiedlichsten Aspekten nicht auch Hauptthema des Buches ist. Ich habe es jedoch als eine tragische Liebesgeschichte gelesen, in der Bücher sogar eine tödliche Rolle spielen können. Bluma Lennon, eine Literaturdozentin, kommt bis zum zweiten Gedicht Emily Dickinsons , als sie von einem Auto überfahren wird.

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Emily Dickinson (1830–86).  Complete Poems.  1924.
OUR share of night to bear,
Our share of morning,
Our blank in bliss to fill,
Our blank in scorning.
Here a star, and there a star,
Some lose their way,
Here a mist, and there a mist,
Afterwards—day!

Der Ich-Erzähler erhält nach ihrem Tod ein an die Verstorbene adressiertes mit Lehm verschmutztes Exemplar der “Schattenlinie”. Die Reise dieses Buches macht der Erzähler als Nachfolger der Dozentin nun in umgekehrter Reihenfolge noch einmal, um dessen geheimnisvollen Absender zu finden, an den eine Widmung im Buch adressiert ist:

„Für Carlos als Andenken an die verrückten Tage in Monterrey: Ein Roman, der mich von Flughafen zu Flughafen begleitet hat. Es tut mir leid, aber in meiner Seele wohnt eine Hexe und ich habe es sofort gewußt: Egal was Du tust, Du wirst mich nie überraschen können. 8. Juni 1996.“

London, Buenos Aires, Montevideo, bis zur Lagune von Rocha am Meer, er überquert somit auch per Schiff die geographische Schattenlinie, den Äquator, Licht und Schatten, “night and morning”. Symbolisch war das bei Conrad auch die Linie zwischen Adoleszenz und Erwachsensein. Bei Dominguez können wir in dem schmalen aber schön gestalteten Taschenbuch auf einer pergamentartigen Karte, die im Buchdeckel aufklappbar ist, seine Reise verfolgen. In Montevideo trifft er den Büchersammler Delgado, von dem berichtet wird, er hätte eine Haut an den Beinen, die “gelb und dünn wie Pergament” sei. Vielleicht eine Metapher für die gesteigerte Empfindsamkeit der Autoren, Leser und auch Sammler von Büchern. Delgado erzählt ihm die Geschichte des Bibliomanen Carlos Brauer, der den Katalog seiner 20000 Bücher umfassenden Bibliothek bei einem Brand verlor, und darüber halb wahnsinnig geworden, begann, am Meer ein Papierhaus aus dem Chaos seiner Bücher zu bauen, dass er aber am Schluß auf der Suche nach einem bestimmten Buch wieder komplett eingerissen hätte. Wir erfahren nun, dass es eben genau die “Schattenlinie” mit ihrer Widmung war, nach der er suchte, es schließlich fand und an seine ehemalige Geliebte zurückschickte. Wohl in der Hoffnung auf eine Antwort, ohne zu wissen, dass diese bereits verstorben ist. Was das ganze so überaus mysteriös macht ist die Tatsache, das Brauer von seiner Liebesnacht mit Bluma Lennon mit den Worten berichtet haben soll:

… ich habe eine sehr hübsche englische Dozentin kennengelernt, das war das beste. Eine von diesen feurigen Akademikerinnen, die für jede Lebenslage ein literarisches Zitat parat haben und sich, wenn ihnen ihr Stündlein schlägt, am liebsten Emily Dickinson lesend überfahren lassen würden.”

Der Erzähler findet Brauer nicht und reist nach London zurück. Dort legt er in einer Art posthumen Vereinigung das Buch auf das Grab von Bluma Lennon. Grabsteine sind manchmal als Buch gestaltet, ein fast kitschiges Bild für das Buch des Lebens. Der One-Night-Stand in der Vergangenheit hatte beide entzweit, sie sah in ihm den Ordnungsfanatiker, der an der Katalogisierung seiner Bücher fast den Verstand verlor, für ihn war sie zu der Zeit nur eine in eine Schublade seiner Frauenbilder passende reizvolle Ablenkung. Am Ende muss er erkennen, dass er nur durch ihre Liebe wieder einen Lebenssinn finden könnte, nicht nur in der Welt seiner Bücher. Bluma Lennon in London konnte ihre Dissertation über die “Schattenlinie” von Joseph Conrad nicht beenden ohne dieses Exemplar von Carlos Brauer. Manchmal verbindet uns mehr in einer Nacht, als wir ahnen. Carlos María Dominguez verbindet die einzelnen Erzählstränge auf eine überaus intelligente und kurzweilige Art. Ihm ist mit dieser Erzählung über die Liebe zu Büchern und über die tragische Liebe zu recht ein Erfolg gelungen.

Bei Suhrkamp erscheint im August sein neuer Roman Die blinde Küste.
Eine
Leseprobe gibt es dort auch.

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