Eine Sekunde Ewigkeit. Mittelpunkt und Konstruktion in Christoph Ransmayrs Roman “Cox oder der Lauf der Zeit”

Lady Hoja_Consort of the Qing Dynasty Qianlong Emporor

Gleich zwei Hinweise deuten bereits beim Aufschlagen des Buches darauf hin, dass der Mittelpunkt dieses Romans noch etwas anderes zum Gegenstand hat als nur einen Uhrmacher und den titelgebenden Lauf der Zeit. Der erste ist die ungewöhnliche Widmung an eine fiktive Person aus dem Roman selbst mit dem kurzen Vornamen “Ãn”. Der zweite verweist auf einen strukturellen Mittelpunkt der Romankomposition, denn von den insgesamt 17 Kapiteln umschließen jeweils 8 das dadurch hervorgehobene mittlere neunte, das wiederum “Ãn, die Geliebte” heißt. Die Kapitel sind durchweg in transkribierter chinesischer Sprache benannt, deren Titel dann durch eine kursiv gesetzte mehr oder weniger inhaltliche, deutsche Ergänzung erweitert werden. Schon darin spiegelt sich die Unmöglichkeit, Sprache verlustfrei zu übersetzen und die Ferne und Fremdheit unterschiedlicher Kulturen. Der Roman kreist im Grunde um drei Hauptpersonen. Das erste Kapitel führt die beiden männlichen Antagonisten Cox und Qianlong ein, der berühmte, englische Uhrmacher landet mit seinen Uhren und Automaten beim mächtigsten Kaiser der Qing-Dynastie. Die Beschreibung dieser  “Ankunft” widmet den beiden ziemlich  gleichgewichtig jeweils acht Seiten. Damit ist sozusagen ein Stunden- und ein Minutenzeiger präsent, mithin fehlt noch der für die Sekunden, bzw. die Unruh, das schlagende Herz einer Uhr. So bleibt es dem zweiten Kapitel überlassen, die dritte Hauptfigur einzuführen, die es mit den beiden anderen durchaus aufnehmen kann. Cox hat seine Reise nach China nicht ohne Grund angetreten. Mit nur fünf Jahren war seine Tochter Abigail verstorben und seine über alles geliebte Frau nicht nur verstummt, sondern sie war auch nicht mehr in der Lage, ihm eine Ehefrau zu sein. Mittlerweile brannte die Sehnsucht nach der Wiederherstellung früheren Glücks derart heftig in seiner Psyche, dass die jetzt in einer Dschunke an ihm dicht vorbei segelnde Konkubine, eine faszinierende Kindfrau, für ihn zum Sehnsuchtsbild wird, in dem er Frau und verstorbene Tochter gleichermaßen wiederzufinden glaubt, und der er verliebt und traumverloren nachschaut. Ransmayr beschreibt dieses Zauberwesen am Ende des Kapitels in einer Apotheose, die sie den gottgleichen, überirdischen Kräften des Kaisers beinahe gleichstellen will. Der Vergleich dieser Figur mit dem fehlenden Sekundenzeiger scheint mir gar nicht so abwegig, denn die Begegnung dauert auch nicht länger. Ein einziger Blickkontakt genügt. Das erinnert natürlich in allem stark an das berühmte Gedicht “A une passante” (1857) von Baudelaire aus den “Tableaux Parisiens”. Die Frau in der Menge (hunderte Dschunken), der flüchtige Augenblick, die Möglichkeit der Liebe und das Wiedergeborenwerden im erwiderten Blick, der von dieser Möglichkeit weiß.
Mit teils drastischen Worten, die schon am Anfang pejorativ für den gaffenden Pöbel bei der Abschlagung der Nasen benutzt wurden, und wenig schmeichelhaft für Cox, thematisiert Ransmayr dessen Vorgeschichte und sein Eheleben. Die dreißig Jahre jüngere Faye hat unter seiner überbordenden Libido sehr gelitten und nur die Geburt der Tochter bewirkte eine Verschiebung seines emotionalen Schwerpunktes und damit eine Milderung seines besitzergreifenden Sexualverhaltens. Ransmayr komprimiert diesen biographischen Rückblick gekonnt auf wenige Seiten, ohne den aber die aktuelle Erzählzeit und Coxs Seelenleben nicht zu verstehen wären. Die Kapitel selbst sind in solch thematische Bausteine untergliedert, in denen wiederum sprachlich ungeheuer präzise gebaute Absätze die nächst kleineren Einheiten bilden. Der Satzbau und die Sprachwahl gerade bei den längeren Sätzen ist äußerst elaboriert, um nicht zu sagen schlicht genial. Allerdings wechseln sich diese kunstvollen Satzgebilde auch mit umgangssprachlich kurzen ab, z.B “Cox fror.”, und es ist nicht nur eine Hochsprache am Werk, sondern es fallen auch Worte wie “Schwanz, Arsch, Scheiße, Samen als gestaltloses, wässriges Ungeheuer” usw.
Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit Coxs Unterbringung in der “Verbotenen Stadt” und beschwört einmal mehr die unendliche Macht Qianlongs. Cox ist bewusst, wie gefährlich es ist, “sich nach einer Frau aus dem Schatten des Kaisers auch nur zu sehnen.” Das vierte Kapitel trägt den Titel “Ein Herr über zehntausend Jahre”, was synonym bedeutet, dass der Kaiser die Ewigkeit beherrscht und damit jenseits von Zeit und Raum eine uneingeschränkte Macht ausübt, die wie ein unsichtbares Netz alles und jeden durchdringt. Umso risikoreicher wird dadurch die nächste zufällige Begegnung mit der jungen Konkubine für Cox. Er sieht lediglich ihre mit zwei Ringen geschmückte Hand1 aus einer Sänfte ragen, als ein Träger strauchelt und vermutlich an einem Blutsturz stirbt. In Szene gesetzt wird dieser Zwischenfall auf dem schneebedeckten Hof der Purpurnen Stadt, dessen jetzt rotgefärbtes Weiß umso mehr symbolisch verdeutlicht, wie nah Cox selbst durch seine Verliebtheit und die verbotene Betrachtung einem Todesurteil kommen könnte. Auch hier wie in Baudelaires Gedicht die Verknüpfung der Liebe mit dem Tod.
Im fünften Kapitel kommt es nach längerer Wartezeit endlich zur Audienz beim Kaiser und Cox erhält den Auftrag phantastische Uhren zu bauen, die das so unterschiedliche, subjektive Zeitempfinden eines Menschen gemäß seines Alters oder in veränderten extremen Situationen wiederspiegeln sollen, wie beispielsweise ein Kind, ein Sterbender oder ein zum Tode Verurteilter. Der eigentliche Clou dieses Kapitels liegt aber darin, dass der Uhrmacher die Gedanken Qianlongs, seine Wünsche, bereits im Voraus errät und damit ein gewisser Gleichstand im Kräfteverhältnis der beiden Männer erreicht wird. Zumindest in seinen Gefühlen was den Bau von Zeitmessern betrifft, scheint der Kaiser auch nur ein Mensch und keine Gottheit zu sein.  Während Cox mit dem Bau der ersten Automatenuhr beginnt, die in Form eines silbernen Segelschiffes die Zeitwahrnehmung eines Kindes darstellen soll hofft er heimlich die junge Konkubine wiederzusehen.

…, stand Cox in den ersten Wochen der Bauzeit immer wieder an jenem Fenster, an dem er die Sänftenprozession beobachtet und den Blut hustenden Träger sterben gesehen hatte und … und die Hand jener Kindfrau, die ihn mit einer rätselhaften Sehnsucht erfüllte.

Immer wieder werden die Augen und der Blick als Ausdrucksmittel von Liebesgefühlen genannt, was in diesem Fall die männliche Projektionsleistung unterstreicht. Eine Erwiderung in welcher Form auch immer, hat bisher nicht stattgefunden, Coxs Innenleben bleibt allen verschlossen wie das Gehäuse einer Uhr. Zwei Hofmediziner fallen in Ungnade, weil sie den Gesundheitszustand des Kaisers falsch einschätzen und dramatisieren. Sie werden zum Tode verurteilt und im Schatten dieser Ereignisse wünscht Qianlong jetzt eine Uhr, die das Gefühl eines Todgeweihten zum Ausdruck bringt. Zur Realisierung des Hintergrundes reist Cox mit einer Schutzgarde an die Chinesische Mauer, um eine möglichst realistische Miniatur zu schaffen. Die Delegation wird überfallen und mit einem Pfeil beschossen. Ich hatte den Eindruck, dass alle Kapitel, einschließlich der opulenten Uhrbeschreibungen und Hofrituale nur dem Ziel dienten, eine noch gefahrvollere Atmosphäre zu schaffen, bis die Spannung im neunten, mittleren Kapitel in einem Zusammentreffen der drei Hauptprotagonisten bei einem Besuch Qianlongs mit seiner Lieblingskonkubine in der Werkstatt der Engländer kulminiert. Cox ist erneut völlig verzaubert von der mädchenhaften Schönheit, der Kaiser nimmt das die kindliche Zeit nachempfindende Silberschiff positiv auf und verschwindet sogar damit. Erst am Tag danach erfährt Cox den Namen der Angebeteten: Ãn, die der Kaiser mehr liebt als jede andere Frau.


Für mich ergab sich durch die Auftritte Ãns eine sich durch das gesamte Buch hindurchziehende Spannungskurve, die auf die Kapitelkonstruktion gut verteilt ist.
 
1   2(Ãn)   3    4(Ãn)   5   6   7   8   9(Ãn)   10   11   12   13    14   15   16(Ãn)   17
 
Vom zehnten Kapitel an bezieht der Kaiser seine Sommerresidenz Jehol. Auf der Reise erleidet ein Mitarbeiter Coxs einen tödlichen Unfall, die drei übrigen sind aber in der Lage, den nun größten Wunsch Quianlongs in Angriff zu nehmen: den Bau einer alle Zeit überdauernden Uhr, das sagenumwobene Perpetuum mobile. Bei aller Perfektion der Umschreibungen des rituellen Hoflebens innerhalb der kaiserlichen Sommerresidenz, der Beschaffung des Quecksilbers für den Antrieb der Uhr aller Uhren, wartete ich ungeduldig auf einen fehlenden Höhepunkt, der eigentlich nur in einem weiteren Zusammentreffen von Cox mit Qianlong und Ãn bestehen konnte. Im vorletzten Kapitel dann, ”Der Augenblick” genannt, findet dieser märchenhafte Kulminationspunkt dann tatsächlich statt. Ein völlig überraschender Besuch Qianlongs mit seiner schönen und zarten Geliebten verschafft Cox ein geradezu übernatürliches Rauscherlebnis, das ihn bei der Berührung durch die Geliebte des Kaisers sogar bewusstlos werden lässt. Die Bilder und die Sprache, mit denen Ransmayr die Atmosphäre dieses ewigen Augenblicks einfängt, haben Ähnlichkeit mit der Sorgfalt und Kunst chinesischer Kalligraphie. Auch wenn man den Bausteincharakter der Wörter als quasi mechanische Bestandteile mit denen eines Uhrwerks vergleichen könnte, gelingt ihm damit in diesem Kapitel eine nochmalige Steigerung der Kongruenz von Form und Inhalt. Wobei der Inhalt in eine recht mutige Synthese mündet, denn Cox ist in diesem Augenblick von einer Art synthetischen Liebe erfüllt, die so unterschiedliche Gefühle wie die reine Liebe zu einem Kind, die Liebe zu seiner Frau und das erotische Empfinden für eine jugendliche, unerreichbare Geliebte zu vereinen sucht. Dieses Gefühl ist so stark, dass es die Zeit aufzuheben vermag, denn die Ewigkeit wird zum transzendenten Augenblick, ein Gegenpol zum göttlichen Kaiser oder gar eine Verbindung zwischen Okzident und Orient. Allein in diesem Kapitel erfährt der Leser etwas über die Gefühle Ãns, die dem Kaiser zwar in Dankbarkeit ergeben ist, ihn aber nicht liebt. Der Uhrmacher, für den die Zeit angehalten wurde, gleicht vielleicht dem schreibenden Schriftsteller:

“Für immer bleiben im Schutz seiner Augen, hinter einem vom eigenen Blut durchpulsten Vorhang, hinter dem alles denkbar und träumbar wurde, ohne vom Anblick der Wirklichkeit widerlegt zu werden.”

Augenblicke dieser Art aber sind unwillkürlich, Irrlichter der Zeit, vergleichbar mit der berühmten “memoire involontaire” Prousts.
 
Das letzte Kapitel widmet sich wieder dem Bau der ewig schlagenden Uhr, von der immer deutlicher wird, dass sie den Kaiser in seinem Machtanspruch anzweifeln, ihn zu übertreffen versuchen würde, also einen Frevel darstellt und womöglich tödliche Bestrafung nach sich zieht. Cox findet einen Ausweg, indem er dem Kaiser selbst am Ende überlässt, den Mechanismus in Gang zu setzen. Beide Männer kämpfen auf ihre Art um die Aufhebung der Zeit. Cox durch den Bau einer Uhr, die ein Perpetuum mobile werden soll und Qianlong, indem er mit seinem Auftrag die eigene Macht bis in die Ewigkeit ausdehnen möchte. Cox verleugnet sein Alter und will neue Jugendlichkeit in seiner platonischen Liebe zur Kindfrau zurückerobern, seine Gefühle für Frau und Tochter in dieser Liebe bündeln. Erst indem beide Männer schließlich die Endlichkeit ihrer Macht über die Zeit beginnen einzusehen, erreichen sie wahre Größe. Zeit ist von niemandem besiegbar und für den Menschen bleibt sie keine physikalische, sondern eine emotionale Größe.

Bei den üblichen Recherchen, die man ja doch über den jeweiligen Roman anstellt, las ich von Kitschvorwürfen, Spannungslosigkeit und einer zu gedrechselten Sprache. Ich war enttäuscht, dass die durchgängige Liebesgeschichte, Cox´s eigentlich innerer Antrieb, so wenig Beachtung fand, manchmal nicht einmal erwähnt wurde. Als ginge es nur um phantastische Uhren oder eine Philosophie der Zeit in einem historischen Ambiente. Für mich bleibt die Konkubine Ãn Dreh- und Angelpunkt beim Aufeinandertreffen dieser so unterschiedlichen Männer. Sie ist der Mittelpunkt und die Spannungskurve, um die sich der Roman dreht, so wie ihr kurzer Name und die angeblich nasale Aussprache des großen A mit seiner Tilde mir immer noch Rätsel aufgeben. Allerdings gibt es auch keinen großen Roman ohne Geheimnisse.

1 Als unbeabsichtigte Parallele trägt die nur beispielhafte Konkubine auf dem obigen Gemälde auch zwei Ringe an ihrer linken Hand.

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