Roberto Bolaño: Gómez Palacio

Roberto Bolaño                   infrarealistas
                   Roberto Bolaño                                                        der zweite oben rechts

Ein Schriftsteller schreibt, als blicke er ständig in den Rückspiegel eines fahrenden Autos. Auch Roberto Bolaño verwendet dieses Bild in seiner kurzen Erzählung “Gómez Palacio”, um einen Blick auf sich selbst bzw. den Ich-Erzähler der Geschichte zu werfen. Er steht an einer Schnellstraße im Norden Mexikos und beschimpft einen Autofahrer, der hupend und zu dicht an ihm vorbeibraust. 1976 war er selbst in Mexiko und man kann sich gut vorstellen, dass auch er sich zeitweise mit dem Abhalten von Literaturkursen finanziell über Wasser hielt. Die Erzählung ist also ein Blick in den Rückspiegel des eigenen Lebens. Ein Blick, der von der eigenen Vergänglichkeit auch im Augenblick des Schreibens weiß. Einer Vergänglichkeit, deren Realität man akzeptiert, aber die den Zauber einer Hoffnung dennoch nicht verlieren will. Das Nichts lauert hinter allem, aber es hat seinen Sieg nicht verdient.

Welcher Gómez, welcher Palast oder ist das ein Eigenname, war mein erster Impuls beim Lesen dieses Titels. Dann schlug ich nach, in Wikipedia, wo sonst und fand die mexikanische Stadt, die nach dem liberalen Politiker, Übersetzer, Schriftsteller Francisco Gómez Palacio y Bravo im 19. Jahrhundert gegründet wurde. Dessen Vorfahren oder er selbst mögen vielleicht in mexikanischen Palästen gewohnt haben. In den siebziger Jahren wird den jungen “Infrarealistas” jedes Symbol einer Herrschaftsstruktur bekämpfenswert erschienen sein. Sie träumten von poetischer Freiheit.

Ein Blick zurück also in das junge Schriftstellerleben, als er mit Glück nach dem Putsch Pinochets in Chile ins mexikanische Exil fliehen konnte. Dort schlägt der junge Poet sich mit einem Minijob in Schreibwerkstätten durch, wie er es später auch als Büroreinigungskraft und Campingplatzwächter in Spanien tun musste. Das Schreibwerkstätten-Motiv ist bereits vom Anfang seines ersten großen Romans “Die wilden Detektive” bekannt. Die Geschichte hat zwei Hauptprotagonisten, neben dem Ich-Erzähler die Direktorin der Schreibwerkstätten, ansonsten Statisten wie Autofahrer und Studenten. Die Direktorin ist eine eher unattraktive, mollige Frau, die den jungen Dozenten mit den Schilderungen aus ihrem Kleinbürgermilieu zu nerven scheint. Sie schreibt vermutlich kitschige Poesie, hat einen unsensiblen Ehemann, eine Sängerin als Freundin, die traurige Schnulzen singt und die sie ab und zu besucht. Der Erzähler betrachtet sie nicht als ebenbürtig Schreibende, genauso wenig wie die Schreibversuche der ihm anvertrauten Teilnehmer der Literaturseminare. Dennoch entwickelt sich ein beinahe freundschaftliches Verhältnis zwischen den beiden auf ihrer Fahrt durch ein Land, das sich immer wieder als bedrohlich entpuppt und in allem steckt eine tief melancholische Grundstimmung. Man kann in diesem Text ein Ausgeliefertsein spüren, dessen Ursache zunächst ungreifbar bleibt. Die Architektur der Hochschule wird als unangenehm mit bröckelnden Wänden empfunden, die Schüler kämpfen mit ihrer Armut und einem Schicksal, im auch kriminellen Umfeld vielleicht nicht älter zu werden. Im Nachhinein spüre ich etwas wie eine leere Straße im Morgengrauen, auf der das Rattern von Maschinenpistolen hörbar ist und die Bewohner vor Angst in ihren Häusern verharren.

Die Beschriftung des Kühllastwagens öffnete bei mir erst den vollen politischen Hintergrund: “FLEISCH VON DER WITWE PADILLAS”. Unglaublich wie ein einzelnes Wort das Verständnis für einen ganzen Text enthalten kann: Padilla. Eine politische Affäre in Kuba 1971, die nach dem Lyriker Heberto Padilla (1932-2000) benannt wurde, der für seine Gedichtsammlung “Fuera del Juego” (Außerhalb des Spiels) 1968 den höchsten kubanischen Literaturpreis erhalten hat und wegen des regimekritischen Inhalts verhaftet wurde. Er wurde von Castro zu einer öffentlichen “Selbstkritik” gezwungen, die damals zu einem Protestbrief mit prominenten Unterzeichnern führte wie Jean Paul Sartre, Hans Magnus Enzensberger, Simone de Beauvoir, Susan Sontag, Mario Vargas Llosa und Julio Cortàzar, um nur einige zu nennen. Die „Padilla-Affäre“ brachte dem Regime weltweiten Verlust an Sympathie unter Intellektuellen ein. Sie gilt auch als das Ende der Jahrzehnte des “Booms”, der erfolgreichen lateinamerikanischen Literaturperiode mit Schriftstellern wie z. B. Gabriel Garcia Marquez und Octavio Paz, die weltweite Anerkennung fanden, von denen sich die jungen Schriftsteller wie damals auch Roberto Bolaño aber politisch distanzierten.

In dieser kurzen Erzählung geht es also auch um politische Verfolgung und um die Befindlichkeit eines jungen Dichters, der in seiner Sprache und Poesie eine Freiheit zu bewahren versucht, die politisch gerade durch die Diktatoren, ob nun sozialistisch wie Castro in Kuba oder rechtsnationalistisch wie unter Pinochet in Chile oder Videla in Argentinien, bedroht ist. Heberto Padilla ist 2000 in den USA gestorben, aber mit dem Fleisch ist anderes gemeint: Die Tausende von Ermordeten dieser Regime. Mit dem Bild des Kühllastwagens fährt hier die Geschichte vorbei und der Fahrer erscheint wie ein Spitzel, der nach politisch Verdächtigen im mexikanischen Exil Ausschau hält. Dass er aus Monterrey kommt, mag auch seine assoziative Bewandtnis haben, vielleicht eine Anspielung auf die Geburtsstadt des mexikanischen Dichters Alfonso Reyes. Die versteckten politischen Anspielungen Bolaños waren schon immer vielfältig, siehe “Chilenisches Nachtstück”. Um sie immer ganz zu verstehen, müsste ich mehr von der lateinamerikanischen Geschichte verstehen. Dass es hier jedoch darum geht zu zeigen, wie sich ein junger Dichter gegen die Vereinnahmung durch die bürgerliche Arbeits- und Lebenswelt wehrt und sich nicht von einer Realität gefangen nehmen lassen will, die als bedrückend unmenschlich und als Tod aller Träume empfunden wird, ist offensichtlich. Die Freiheit seines Lebens und damit auch die Freiheit seiner Worte, seine Poesie, wird als unveräußerlicher Lebenssinn verteidigt.

Die Geschichte folgt einer sich steigernden Dramaturgie, die an dem besonderen Ort der Schnellstraße ihren Höhepunkt findet. Dort zeigt die Direktorin dem Erzähler eine Art grünes Licht über der Wüste. Das Hotel an dieser Autobahn, in dem der namenlose Ich-Erzähler von der Direktorin untergebracht wurde, beschreibt Bolaño mit einem sehr typischen Satz, der am Ende eines Absatzes den Leser ins Nichts fallen lässt:
”Ein grässliches Hotel in der Nähe einer Autobahn, die nirgendwo hinführte.”
Etwas später kristallisiert sich der diffuse Lebensschmerz des Erzählers in der ebenfalls für Bolaño so typischen “rhetorischen” Frage:
”Welche Farbe hat die Wüste in der Nacht,…”
In der kürzesten gleichnamigen Erzählung, die der Sammlung “Telefongespräche” den Titel gab, ging ein Schneemann in einem Traum als Symbol des schreibenden Menschen durch die Wüste, ohne oder um am Ende doch zu schmelzen wie alle anderen.
”Er geht bei Nacht, wenn die eisigen Sterne die Wüste überfunkeln.”
Was symbolisiert das grüne Licht in der fernen Straßenkurve, dem Bolaño einen ganzen Absatz aus einem Satz spendiert, der wie in der Musik oder in der Malerei eine Farbe immer intensiver wird?

“Und dann sah ich, wie das Licht, Sekunden nachdem das Auto oder der Lastwagen diese Stelle passiert hatte, sich selbst einholte und dort hängen blieb, ein grünes Licht, das zu atmen schien, das für den Bruchteil einer Sekunde lebte und sich in der Mitte der Wüste spiegelte, von allen Fesseln befreit war, ein Licht, das dem Meer ähnelte, das sich wie das Meer bewegte, als ob es die ganze Zerbrechlichkeit der Erde festhielte, ein grünes, wellenförmiges, wunderbares und einzigartiges Licht, das wohl aus jener Kurve kam, ein Zeichen, das Dach einer verlassenen Hütte, riesige auf der Erde ausgebreitete Kunststoffteile, schuldhaft hervorgebracht, aber in dieser beträchtlichen Entfernung vor uns, erschien es uns wie ein Traum oder ein Wunder, was am Ende der Geschichte auf das gleiche
hinausläuft.”

Für mich ist die Antwort eindeutig. Es ist die Fähigkeit aller Menschen, die Schönheit des Lebens zu sehen und den vielfältigen Herausforderungen mit Tapferkeit und Willenskraft zu begegnen. Der mit sich selbst immer wieder ringende Schriftsteller, der mit seinen Worten kämpft, aber auch jeder andere, der den Sinn seines Lebens sucht, auch wenn dies manchmal vergeblich scheint. Ein Symbol der poetischen Kraft gerade junger und unbekannter Dichter, die sich dem Markt nicht verkaufen, sondern lieber durch die Wüste laufen. Bolaño sieht nicht auf weniger begabte Schriftsteller herab, er weiß nur von dem Potential, das auch damals schon in ihm steckte. Wenn Schriftsteller in Bolaños Werk gesucht werden, wie in “2666” Benno von Archimboldi oder in “Die wilden Detektive” Cesària Tinajero, so suchen sie eigentlich die freie Schaffenskraft in sich selbst, die Hoffnung im Versagen. So weist auch die Erwähnung von Ciudad Juarez in dieser Erzählung auf den vierten “Teil von den Verbrechen” in “2666” mit den grausamen Frauenmorden voraus, und damit auf das größte schriftstellerische Vermächtnis Roberto Bolaños, dessen Ursprünge er mit dieser Erzählung nur andeutet.  

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