Ford Madox Ford: Die allertraurigste Geschichte

Cabot_PerryEine schonungslose Beschreibung der gesellschaftlichen Fassade und Konvention am Beginn des 20. Jahrhunderts ist dieser Roman, in dem sich Herzenswärme und eisige Ironie galant die Hand geben. Zwei Paare und einige Nebenfiguren tanzen in einem Reigen der Beziehungen umeinander, der an das gleichnamige Werk Arthur Schnitzlers erinnern könnte, wären sie nicht durch und durch Engländer und Amerikaner. Auch das soziale Milieu lässt den Vergleich hinken, denn wir haben es mit amerikanischen Millionären und englischen Schlossherren zu tun, durch und durch Upperclass. Würden Sie sich eine Geschichte unbedingt von einem kalifornischen, impotenten Quäker erzählen lassen wollen. Noch dazu aus einer Zeit, in der man Romane noch für sündhaftes Teufelszeug hielt? Dazu ein kurzes Zitat:

“Nun aber missbrauchen sehr viele Menschen die herrlichen Gaben [das Lesen], welche ihnen Gott verliehen hat, und gehen geradezu darauf aus, durch ihre Schriften alle christliche Zucht und Sitte zu untergraben und den Unglauben und die Gottlosigkeit zu verbreiten. Namentlich sind es die den Geist abstumpfenden und das Herz vergiftenden Romane, durch welche sie unsägliches Unheil anrichten.” (1) 

Vermutlich also eher nicht, aber dann würde Ihnen nicht nur ein wirklich großer Roman entgehen, sondern auch die Bekanntschaft mit Florence, Leonora, Hauptmann Edward (Teddy) Ashburnham und John Dowell, dem Erzähler. Die Auffassung einer derart “verderblichen Romanlektüre” würde ein wenig den katholischen Charakter Leonoras, der Gattin Hauptmann Ashburnhams, beschreiben.  Was den Roman jedoch einzigartig macht, ist seine grandiose Erzählkunst. Sein Spiel mit dem Leser durch viel- oder nichtssagende Andeutungen, durch genaue Charakterisierung und deren sofortige Relativierung. Auch dazu ein etwas längeres Textbeispiel gleich vom Anfang:

Irgend jemand hat gesagt, der Krebstod einer Maus sei ein Ereignis von der Größe der Plünderung Roms durch die Vandalen, und ich schwöre Ihnen, der Zusammenbruch unseres kleinen Viereckverhältnisses war ein ebenso unausdenkbares Ereignis. Angenommen, Sie wären uns begegnet, wie wir an einem der kleinen Tische vor dem Klubhaus, sagen wir, in Bad Homburg, bei unserem Nachmittagstee saßen und dem Miniaturgolf zusahen, dann hätten Sie gesagt, allem menschlichen Dafürhalten nach wären wir eine außerordentlich feste Burg. Wir waren, wenn Sie wollen, eines jener mächtigen Schiffe mit weißen Segeln auf blauer See, eines der Dinge, die uns als die stolzesten und sichersten all der schönen und sicheren Dinge erschienen, die Gott den Menschengeist ersinnen ließ. Wo hätte man besser Zuflucht finden können? Wo besser?
     Dauer? Beständigkeit? Ich kann nicht glauben, daß sie dahin ist. Ich kann nicht glauben, daß jenes lange, friedliche Leben, das sich wie die Figuren eines Menuetts bewegte, nach neun Jahren und sechs Wochen innerhalb von vier zerschmetternden Tagen verschwunden sein soll. Ja, mein Wort, unser vertrauter Umgang glich einem Menuett, einfach weil wir bei jeder Gelegenheit und unter allen Umständen wußten, wohin wir gehen, wo wir sitzen, welchen Tisch wir in Einmütigkeit wählen würden; und wir konnten uns alle vier erheben und weitergehen, ohne daß einer von uns ein Zeichen dazu gegeben hätte, immer nach der Musik des Kurorchesters, immer in dem milden Sonnenschein oder, wenn es regnete, im Schutz der Wandelgänge. Nein, wahrlich, es kann nicht dahin sein. Man kann ein menuet de la coeur nicht töten. Man kann das Notenbuch zuschlagen, das Klavizimbel schließen; in Kleiderschrank und Wäschebord mögen Ratten die weißen Atlasschleifen zerfressen. Der Pöbel mag Versailles plündern, das Trianon mag fallen, das Menuett aber – das Menuett aber tanzt sich allein weiter bis zu den fernsten Sternen, und so wird auch unser Menuett aus den hessischen Bädern seine Figuren immer noch weiterschreiten. Gibt es keinen Himmel, in dem alte schöne Tänze, alte schöne Vertrautheit fortdauern? Gibt es nicht irgendein Nirwana, das erfüllt ist von dem leisen Rauschen der Instrumente, die in den Staub der Bitternis gesunken sind, aber doch von zarten, bebenden, unsterblichen Seelen bewohnt waren?
     Nein, bei Gott, es ist falsch! Es war kein Menuett, das wir tanzten; es war ein Gefängnis – ein Gefängnis voll schreiender Hysterien, die geknebelt lagen, damit sie nicht das Räderrollen unserer Kaleschen auf den schattigen Alleen des Taunus übertönten.
     Und doch schwöre ich beim heiligen Namen meines Schöpfers, es war die Wahrheit. Es war wahrer Sonnenschein, wahre Musik, und wahr auch das Plätschern der Fontänen aus dem Mund der steinernen Delphine.

Auf die Frage nach dem Himmel oder dem Nirwana, die das Figurenquartett bewahren könnte, möchte man dem Erzähler als Leser sofort antworten, dass eine Literatur wie diese, die man gerade liest, genau das tut. Sie konserviert das Nichtkonservierbare und erhält es wie eine unsichtbare Seele. Vielleicht ist es keine Schande zu sagen, das man das Gefühl hat, dem Roman mit keinem Rezensionsversuch gerecht zu werden, der nicht das ganze Buch selbst wiedergäbe. Eine Inhaltsangabe kann diesem Erzählstil niemals gerecht werden, deshalb mache ich es mir vielleicht zu einfach, verweise aber bezüglich des Inhalts auf eine andere Besprechung. Ich habe erzählerisch selten einen perfekteren Roman gelesen. Neben dem “Quartett” der Hauptfiguren, alle Mitte dreißig, so lautet auch der Titel einer Art Konkurrenzromans einer der Geliebten Ford Madox Fords, der Schriftstellerin Jean Rhys, sind es meist “kleine junge Dinger” Anfang zwanzig, die das “Opfer” des unverbesserlichen Schürzenjägers Edward Ashburnham werden. Die strenge Katholikin Leonora, “das stolzeste Wesen auf Gottes Erdboden” duldet die notorischen Seitensprünge ihres Mannes Edward, um ihn nicht zu verlieren oder weil sie eben zu stolz ist, Konsequenzen aus einer solchen Schmach zu ziehen. Ashburnham betrügt jedoch auch den Erzähler John Dowell mit dessen Frau Florence. Diese wiederum hatte neben Ashburnham früher auch einen Geliebten in Paris, der sie erpresste. Unter der Oberfläche also multiple Abhängigkeiten sexueller Natur, zu denen die finanziellen trotz der vorhandenen Millionen noch dazu kommen. Der Erzähler jedoch in seiner zwielichtigen Rolle bringt natürlich für sich selbst und für alle anderen allergrößtes Verständnis auf. Im Kurort Bad Nauheim pflegt man tatsächliche oder vorgebliche Herzkrankheiten von Edward und Florence, im doppelbödigen Sinne. Dabei  wird wie nebenbei auch der Tod der jungen, reinen und unschuldigen Mrs. Maidan betrauert, eine der zahlreichen Geliebten Edwards. Am Ende stirbt auch Florence und Edward Ashburnham selbst, der sich das Leben nimmt, weil er über den Verlust seiner letzten Geliebten Nancy, die er laut Dowell wahrhaft geliebt hat, nicht hinweg kommt. Bezeichnend bleibt, das am Ende die starke Leonora alle überlebt und sich schnell durch eine neue Heirat arrangiert. Die gesellschaftliche Fassade triumphiert über den Idealismus und ausgerechnet der impotente Erzähler reist am Ende mit einer jungen Geliebten nach dem Tode seiner Frau zurück nach New York. Die Realität hat das harmonische Gespinst feiner Beziehungen endgültig zerschlagen, die Belle Epoque neigt sich ihrem Ende zu.

Das Ideal einer reinen Seele verliert gegen die Psychologie des bloßen Scheins, damit spielt der Roman und sein Witz, seine bisweilen bittere Ironie erhält er durch einen absolut unzuverlässigen Erzähler. Der jenem sonst oft übliche Habitus zur Wahrheit einer Geschichte zu gelangen, ist hier zur spielerischen Pose gegenüber dem Leser geworden. Er weiß eben selbst nicht alles so genau und der Leser nimmt ihm seinen andeutenden Plauderton, sein nicht chronologisches Erzählen  nicht etwa übel, sondern fühlt sich gut unterhalten, er amüsiert sich sogar bei der Erkenntnis hinters Licht und an der Nase herum geführt zu werden. Im Gegenteil ist es dieser ständig in die Vergangenheit gerichtete Suchscheinwerfer und die mit Ironie in ihrer Ambivalenz geschilderten Protagonisten einschließlich des Erzählers selbst, die den faszinierenden Stil Ford Madox Fords ausmachen. Die Geschichte mag mit ihren Toten und verzweifelt gescheiterten Liebesbeziehungen und Ehen das Prädikat traurig verdienen, traurig erzählt ist sie aber ganz und gar nicht.

Ein ca. hundert Jahre alter Roman, eine Gesellschaft ohne Computer, Fernsehen, Handy, man schreibt sich noch Briefe. Ein solcher konnte sogar der Anlass sein, dass junge Damen in ihrer Liebesverzweiflung Selbstmord begingen. Dieses dramatische Ende junger Frauen wird im Roman vielleicht etwas zu selbstverständlich eingesetzt, aber Erzähler und Autor sind nun mal beide Männer. Heute ist der private Brief wie der Blinddarm zu einem Atavismus geworden. Das wichtigste in einer Gesellschaft aber, heute wie damals, scheint die Rolle zu sein, die man in ihr spielt. Die Diskrepanz zwischen dem gesellschaftlichen Rollenspiel und den wahren Gefühlen, die man füreinander hegt, die Liebe, die man empfindet oder die man dafür hält, gegen die Abwägungen von Geld, Glaube, Besitz und Stand sind das zentrale Thema.

Lesen Sie diesen Roman, denn wenn Sie ihn beendet haben, würden Sie am liebsten wieder von vorn anfangen.

(1) Leben der Heiligen Gottes auf alle Tage des Jahres mit heilsamen Lehrstücken versehen von P. Matthäus Vogel, Priester der Gesellschaft Jesu. Steyl 1900.

Ford Madox Ford

Advertisements