Julio Cortàzar: Erzählung mit einem tiefen Wasser

Tiefes Wasser                              Franziska-Neubart
Illustration und Gestaltung (Original-Flachdruck-Grafiken in sechs Farben) von Franziska Neubert

Ein Selbstgespräch, ein an einen Anderen gerichteter Monolog aus Erinnerungen, die “ein großes unersättliches Loch” sind, “das man mit Worten und Bildern stopfen muß”, so beginnt diese kleine Erzählung, die 1956 in dem Band „Cuentos completos“ erschien. Dieses Loch aber muss man stopfen, weil die Schuld auf den Schultern lastet und bisher unbezahlt blieb. Wir können uns so von Anfang an mit dem wie in einer Beichte Sprechenden identifizieren.

relato_fondo_1_webSei unbesorgt”, lieber Leser und liebe Leserin dieser kurzen Interpretation, auch du sitzt nur auf einer Terrasse oder Veranda und wartest auf den Tod. Gibt es nicht auch in deinem Bewusstsein eine Schuld, die du dir nur selbst erzählen kannst? Mit diesen zwei unscheinbaren Worten beginnt Julio Cortàzar ein Selbstgespräch mit drei Stimmen, die immer nur seine eigene ist. Jeder wird eine Schuld in sich finden, die er vielleicht nicht einmal mit einem guten Freund besprechen kann und wir tun dann so, als würden wir es ihm erzählen. Eine Übung, die manchmal das ganze Leben dauern kann, aber nie Wirklichkeit wird. Ein Rücken vor hellem Hintergrund, über Kopf und Schulter fällt ein Schatten.

Verschwommen magisch mutet diese Situation an, die von Cortàzar schon auf den ersten zwei Seiten mit nur einem Absatz so wunderbar in wenigen andeutenden, Pinselstrichen gleichen Sätzen hervorgerufen wird.
Gerade mal acht Seiten eines dünnen Heftes füllt der Prosatext, den Franziska Neubert nicht nur kongenial, sondern auch eigenständig mit sowohl leuchtenden, als auch düsteren Illustrationen gefüllt hat. So wird es 32 Seiten stark und gleichzeitig ein Fest für die Augen.

cortazar_2Cortàzar stellt den Leser in eine Situation, die beinahe mythisch auf alle Menschen zutreffen könnte. Der Schauplatz ist eine “halbverrottete” Ranch wohl in einem der vielen Wasserarme im Delta des Rio Panarà wenige Kilometer von Buenos Aires, der “Stadt der guten Winde”. Der Ich-Erzähler lebt hier seit Jahren allein und bekommt nur zweimal im Jahr Besuch von seinem alten Schulkameraden Mauricio. Dieser Mauricio ist der Adressat eines Monologes, den die ganze Erzählung ausmacht. Merkwürdig dabei ist allerdings, dass man sich beim Lesen nicht einmal sicher sein kann, ob Mauricio nun wirklich anwesend ist oder ob der der namenlose Ich-Erzähler ihn nur anspricht. Vielleicht will er auch nur einen Brief an Mauricio schreiben. Man wird das Gefühl nicht los, sich immer nur im Kopf des Erzählers zu befinden.

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Die Seiten meines “Tollen Heftes” der Büchergilde Gutenberg werden von einem schwarzen Faden zusammengehalten, den man deutlich in der doppelseitig illustrierten Mitte des Bändchens sehen kann. Dort spiegeln sich Mond, Bäume, Wolken und Haus in den schwarzen Wasserarmen. Zur Nacht räsoniert der Erzähler über sein Leben und den Tod in dem vom Wasser umgebenen Bungalow.    Tiefes Wasser DoppelseiteVor einiger Zeit hat schon eine von mir sehr geschätzte Dame in ihrem Weblog auf intuitive Weise dieses Heft besprochen, von dem sie sogar die Vorzugsausgabe besitzt, die noch einen vierfarbigen Original-Holzschnitt als besonderen Leckerbissen enthält.

Neubert_vierfarbiger Orig.-Holzschnitt der vorzugsausgabe                                                           Original-Holzschnitt
So kurz die „Erzählung mit einem tiefen Wasser“ auch ist, als einfach kann man sie auf keinen Fall bezeichnen. Sie lässt wie immer bei Cortàzar dem Leser Raum für Spekulationen und löst das Erzählte bewusst nicht vollständig auf. So kann sich jeder auf seine Art dem Geschehen nähern. Nichts könnte falscher sein, als der Versuch, die Poesie der ganzen Geschichte in eine völlig eindeutige Entschlüsselung zu überführen. Der Leser soll gerade zur Spekulation verführt werden, aber nicht zur Dechiffrierung. Man kann die Ingredienzien beschreiben, den Plot umschreiben, die Magie in starre Realität aufzulösen wird nicht gelingen.

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Ein Traum belastet den Erzähler so schwer, dass er nicht an ihn erinnert werden möchte. Er folgt einem Pfad durch das sumpfige, dschungelartige Flussgebiet und sieht die Leiche Lucios auf dem Wasser am Uferrand ganz in seiner Nähe schwimmen. Ein kaum sichtbarer Fuß mit einem leuchtend weißen Nagel ragt aus der bunten Pflanzenwelt auf dem mittleren Bild oben. Ein auf dem Rücken liegender toter Vogel ist aus der Gemeinschaft der Vogelschar herausgefallen. Hat der Erzähler Lucios Tod verschuldet, war es ein Unfall, ein Verbrechen? Die Realität löst sich auf, im Traum und in der Fiktion, literarisch haben wir es weniger mit phantastischer, sondern mit magisch-realistischer Literatur zu tun. Die Dinge werden geheimnisvoll und unheimlich, wenn man sie aus anderer Perspektive beschreibt.

Zwei lateinamerikanische Schriftsteller, die große Romane geschrieben haben, “Rayuela” und “2666”, waren gleichzeitig auch Meister der literarischen Gattung Erzählung. Der l´ennui Baudelaires, die Langeweile und der Überdruss dem Leben insgesamt gegenüber taucht in beiden Werken an vielen Stellen ihrer Protagonisten auf. Beiden Autoren aber ist gerade dieses eher lethargische Lebensgefühl Antrieb zum Schreiben gewesen. Überhaupt richtet sich der Schreibimpuls bei beiden immer gegen die festen Aggregatzustände des menschlichen und auch politischen Lebens. Der Begriff der Schuld, der auch in dieser Erzählung und bei Roberto Bolaño eine große Rolle spielt, ist nicht nur eine schicksalhafte, allgemein menschliche Kategorie, sondern immer auch eine der gegebenen sozialen Herrschaftsverhältnisse. Beide waren auch politische Autoren, die ohne parteipolitisch nur links zu sein, einfach sensibel auf gesellschaftliche Missstände und Ungerechtigkeiten reagierten.
Der Einsiedler ohne Namen in “Relato con un fondo de agua” ist aus dem sozialen Zusammenhang der jugendlichen Freundschaft herausgefallen. Er hat sich aus der Gesellschaft, der Großstadt Buenos Aires zurückgezogen. Der ertrunkene Tote im Wasser scheint der Grund für diese gegenseitige Abkehr zu sein.

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Die Erzählung und vor allem auch die Bilder arbeiten mit Gegensatzpaaren. Jugend und Alter, Natur und schicksalhafte Existenz, Stadt und elementare Wasserlandschaft, das Helle und und das Dunkle, der romantisch geheimnisvolle Mond und das tiefe Wasser treffen in Text und Illustration aufeinander. Dunkelblaues Wasser über dem das Licht des Mondes flimmert. Tiere und Gegenstände, ein “bellender” Frosch, ein Vogel und der Ameisenbär, eine Kerosinlampe visualisieren die Atmosphäre des Textes. Text und Bild gehen eine Symbiose ein und gewinnen voneinander. Herrliche Umschreibungen findet Cortàzar für den Verlust der Unbekümmertheit der Jugend gegenüber dem Erwachsensein, der “schmutzigen Maske der Seriosität”. Die Naivität der Jugend, sich das Alter und den Tod nicht vorstellen zu können umschreibt er mit den Worten, sie seien “Gebieter über eine gediegene Unsterblichkeit von fünfzig oder sechzig Jahren”. Der Umschlag zeigt wie gefangen in einem Kristall auf einem Stuhl sitzend, Mauricio und Lucio, als Projektionsfläche für das Bewusstsein des stehenden Erzählers. Der Wasserfall des inneren Monologes gebiert natürlich wie eine sich öffnende Blüte einer Blume die ganze Erzählung. Der Pfad im Traum korreliert mit dem Verlauf der Erzählung, am Ende steht die grausame Entdeckung des Todes, das Gesicht des ertrunkenen Lucio, das unser eigenes Gesicht sein könnte. Wie auch im letzten Satz ausgedrückt, komplettiert sich damit das Erzählte. Der Lauf des Lebens ist in das große Delta, den elementaren Anfang gemündet, von dem es auf der ersten Seite mit dem argentinischen Schriftsteller Láinez heißt: “das Delta hätte Alpha heißen sollen”. “No beginning, no end” heißt es in dem Film “Kirschblüten” von Doris Dörrie. Irgendwann werde ich alle Erzählungen Cortàzars gelesen haben, es nicht zu tun wäre ein unerträglicher Verlust.

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