Der Flaschenzug

Portland_headlight
Portland Head Light. Wikimedia Commens.
Author: Julia Ess (2002)

Ein Impuls zum Schreiben entspringt dem simplen Bedürfnis etwas festzuhalten. So mag es auch dem jungen Mann gegangen sein, der als Reisender auf einer einwöchigen Rheinflussfahrt, die auch einen Abstecher entlang der Mosel vorsah, nun in Cochem unter einem Sonnenschirm vor einem Bistro in der historischen Altstadt saß und seinen Eiscafé durch den obligatorischen Strohhalm saugte.  Er belauschte, in Ermangelung sich nicht ergebender anderer Beschäftigungsmöglichkeiten, ein Gespräch zweier Damen leicht fortgeschrittenen Alters. Eine von ihnen war aufgrund ihres Akzentes unschwer als Amerikanerin auszumachen, was sich allerdings auch durch die Bemerkung, sie hätten einen nette, kleine Wohnung in Portland, bewahrheitete. Sie läge im zweiten Stock direkt über einem Lokal und hätte sogar einen Balkon, auf dem sie oft mit ihrem Mann die Abende verbrächte. Außerdem hätten sie eine sehr praktische Abmachung mit dem Gastwirt des Restaurants, den man zu ihrem Freundeskreis zählen könnte. Immer wenn sie ein Seil über die Balustrade des Balkons fallen lassen würden, schnüre er einen Karton mit Weinflaschen daran, den sie beinahe täglich hinaufziehen und ihren Bedarf damit bestens decken würden. Es wäre ihnen absolut nicht so wichtig, wie billig oder minderwertig dieser Wein auch sein mochte, er schmecke allein aufgrund seiner besonderen Beförderungsart. Der junge Mann war zwar kein Weintrinker, aber etwas bestrickte ihn an dieser Anekdote und beflügelte seinen Gemütszustand. Er entwickelte fast so etwas wie schriftstellerische Ambitionen, zog einen Schreibblock aus der Hosentasche und begann sich flüchtige Notizen zu machen. Diesen Augenblick wollte er nicht in der Unendlichkeit des Geschehens für immer verschwinden sehen.

Ein paar Tage später bereits auf der Rückreise mit dem Zug, saß er dank glücklicher und günstiger Buchungsumstände seiner nun beendeten Flussfahrt, in einem Erster-Klasse-Abteil eines Zuges aus Köln. Wieder ergriff ihn ein Gefühl schriftlichen Dokumentationszwanges, als er das Gespräch zwischen einem Vater und seiner jugendlichen Tochter verfolgte. Leicht quengelnd und gelangweilt beschwerte sich die Tochter: “Was machen wir denn heute Abend noch?” Worauf dem Vater anscheinend nur der übliche Medienkonsum einfiel und leicht verzweifelt zurück fragte: “Mit dem Mac spielen oder Fernsehen?” Der junge Mann dachte wie gut doch diese Beschäftigungspläne zur vermutlichen Gesellschaftsschicht des Vaters und der Klasse passten, in der er mitsamt Tochter reiste. Ihre Bekleidung drückte ebenfalls einen gehobenen Standard aus, in dem man sich etwas leisten konnte. Er machte sich Notizen. Wie treffend die Puzzleteile der Wirklichkeit in der Regel ineinander verzahnt sind, dachte er. Wäre die Tochter etwas älter, könnten sie auch gemütlich auf einem Balkon sitzen und Wein trinken. Vielleicht hinge sogar ein Seil über den Balkon und wenn man daran zöge, ginge das Licht an im Leuchtturm von Portland. Als der junge Mann später aus dem Zug stieg, fühlte er sich wie eine emporgezogene Weinflasche voll diffuser innerer Berufung.

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