Alban Nikolai Herbst: Die Fenster von Sainte Chapelle. Eine Reiseerzählung I

“Lieber Freund, es gibt keine Schlüssel für die Personen dieses Buches; oder doch, es gibt acht oder zehn für eine einzige; ebenso für die Kirche von Combray; meine Erinnerung hat mir viele Kirchen als »Modelle« angeboten (hat sie mir sitzen lassen). Ich wüßte Ihnen nicht mehr zu sagen, welche. Ich erinnere mich nicht einmal mehr, ob die Fußbodenplatten aus Saint-Pierre-sur-Dives oder von Lisieux stammen. Einige Fenster sind bestimmt teils von Evreux, teils von der Sainte-Chapelle und von Pont-Audemer.”

Marcel Proust: Essays, Chroniken und andere Schriften. Frankfurter Ausgabe Bd. I/3, S. 361

Jedes Buch lässt uns immer wieder durch ein anderes Fenster auf die Welt blicken. In diesem ist es das Fenster eines schreibenden Mannes, der nach Paris reist, aber gleichzeitig auch eines, das man selbst über ein als virtuelles Betriebssystem installiertes Windows erreichen kann und das angeblich den Ausblick auf die ganze Welt offenbart. Doch auch das Internet ändert natürlich nichts daran, dass jeder Mensch um den Käfig seiner Illusionen kreist.

Frankfurt und Heidelberg sind die Orte vor seinem Abflug nach Paris und bis zu den fünf Sternen auf Seite 9 war ich zum Einstieg gekommen und hätte spontan auch fünf für diese Ouvertüre vergeben. Für die Nähe, die das erzählerische Ich zum Autoren-Ich zulässt und für das Spiel auf der Klaviatur der ganz eigenen Sprache, so improvisiert und gerade deshalb poetisch. In Heidelberg wird ein Ereignis beschrieben, bei dem eine Asiatin, um auf ihr Lädchen aufmerksam zu machen, eine Blume für die Ordnungskräfte zu weit in eine Parklücke stellt. Es ist unschwer in diesem Bild die James JoyceVerletzbarkeit des reisenden Schriftsteller-Erzählers zu erkennen, der sich in der Ignoranz durch den Kulturbetrieb und einer anonymen Staatsmacht oder Obrigkeit spiegelt. Wir nehmen unmittelbar teil an den Gedanken des Schriftstellers und die sind ständig getränkt mit Referenzen seiner eigenen Literaturrezeption, literarischen Größen wie Joyce und Proust. Da wird über die unterschiedliche Reaktion auf den Vortrag einer sexuell freizügigen Stelle bei Joyce durch Eva Demski gegenüber der des Schriftstellers selbst sinniert und von der Vorliebe für dieses Helios-Kapitel. Der gelungene Leseabend, an dem Eva Demski nach ihm las, ist in Erinnerung geblieben.

Amüsiert, manchmal sogar ergriffen, fühlte ich mich ob des Erfindungsreichtums des Erzähler-Ichs, der so unmittelbar jeden Eindruck sublimiert und in die Sphäre der Kunst zu schicken weiß. Ein bi- oder homosexueller Schriftsteller auf einem Paristrip, der eigentlich zur Frage nach dem Gott oder Teufel in uns allen wird. Sein umstrittenes Werk “Meere” soll ins Französische übersetzt werden, aber er erhält gleichzeitig einen mysteriösen Auftrag zu einem Buch, von einer Madame Le Duchesse, von dem es nur ein Exemplar für diese ominöse Zwittergestalt selbst geben soll, hinter der sich der Teufel persönlich, aber auch so bekannte literarische Figuren wie der Baron de Charlus aus Prousts “Recherche” oder die Herzogin von Guermantes verstecken könnten. Begleitet wird dieses fleischgewordene Mysterium von einem dienstbaren Geist in lederner Kluft, der Jenny Michel heißt, aber gleichzeitig auch das Potential zum ErzengelIsolde Ohlbaum Engel in Rom Michael oder dem Luftgeist Ariel hat. Parzival im Labyrinth der Gestalten auf der Suche nach dem Gral, der sich immer nur wieder als der Mensch selbst zwischen Gut und Böse herausstellt. Die Körperlichkeit der Sexualität wird selbstbewusst ausgelebt, um anschließend um so entspannter sich der eigenen Kunst widmen zu können. Irgendwie paart sich die Dominanz im Spiel des Sexuellen mit der künstlerischen Demut, Sensibilität und Verletzbarkeit. Letztlich steckt in jedem Menschen auch ein gefallener Engel. Wie beiläufig wird grandios vom Religiösen erzählt, das zwar katholisch anmutet, aber eine kleine Geschichte enthält, in der Touristen die Kirche als Ort der Andacht und Hoffnung mit ihrer permanenten Fotografiererei entweihen. Nur “wenn die Menschen draußen sind, ist drinnen Gott”, wird ein französischer Film zitiert. Ein schönes Bild für die Trolle im Weblog des Schriftstellers. Die Erzählung durchbricht beinahe in Echtzeit mediale und personale Grenzen, denn die Kommentatoren im Blog, mit denen der Erzähler in ständigem Kontakt steht, sind hinter ihren Pseudonymen manchmal erkennbar und werden so Teil dieser erzählten Anderswelt. Damit erklären sie sich beim Betreten des Dschungels zwar einverstanden und doch ähneln sie wohl gerade am Anfang eher orientierungslosen Blinden, denen man Sand in die Augen streut.

So wichtig die frei ausgelebte Sexualität in dem Text zu sein scheint, besteht zwischen den Personen  gleichzeitig ein hierarchisches Machtgefüge und multiple Abhängigkeiten. Das Restaurant Silberturm, “Tour d´argent” werden die folgenden Abschnitte genannt, verweist auf das Abhängigkeitsverhältnis von Verleger und Autor, der ständig unter dem Druck steht, sein Werk versilbern zu müssen. Die Anspielungen, dass es sich bei “Le duchesse” um den Teufel handeln könnte sind manchmal zu offensichtlich. Es hätte den Reiz noch weiter erhöht, diese Figur vollständig im Nebulösen zu lassen. Ich will es mit diesem ersten Leseeindruck nach siebzig Seiten zunächst bewenden lassen, sonst gerät der Eintrag zu lang und mit einem aufschlussreichen Satz des Autors, nicht des erzählenden Schriftstellers im Buch, enden:

»Ich« ist eine Figur in dem Konzept, dass das Leben als einen Roman betrachtet.” Die Figuren darin, vor allem `Le Duchesse´ und der Erzähler selbst, versprechen noch viel Spannung.

Pleased to meet you, hope you guess my name, but what´s puzzling you, is the nature of my game … I´ve been around for a long, long year, stole many a man´s soul and faith.”

Nun schreibe ich doch einfach weiter, viel weiter gelesen habe ich noch nicht. Ich würde lügen, wenn ich nicht offenlegte, dass ab einem gewissen Zeitpunkt bei mir immer eine Art sexueller Subtext mit gelaufen wäre. Als wäre die Sprache selbst Ausdruck des Geschlechts geworden. Vielleicht ist daran ein WDR-Literaturmarathon schuld, wo Rita Mae Browns “Rubyfruit Jungle” am Rande erwähnt wurde. Ich las nur noch Inversion und Gleichgeschlechtlichkeit, die ich mich immer bemühe, auch als gleichberechtigt zu sehen. Dann kamen die Päonien. Die Pfingstrosen, von denen der “Herbst” genannte Schriftsteller in Paris berichtet, sie stünden in seiner Unterkunft “La Nonchalante” werden als narrative Unstimmigkeit von den Kommentatoren im Blog angeprangert, weil sie bereits in Deutschland kurz vor dem Abflug auf einem anderen Tisch standen. Der Schriftsteller beklagt nun einen geknackten Code, bei dem es sich eben nicht um den der Eingangstür handelt, sondern den der Imagination und Erzählweise des Ich-Erzählers, der sich auch immer in seiner Geschlechtlichkeit angegriffen glaubt. Sofort wird mit der Transponierung in eine Opferrolle begonnen und das Bild eines Mannes evoziert, der geschlagen, verletzt und ausgeraubt vom Luftgeist Jenny, der vorbei kommt, verarztet werden muss. Den Code nicht zu besitzen, bedeutet auch mit dem Verlust seiner Identität bedroht zu werden. Ohne Identität ist man aber selbst in der Fiktion ein nicht oder nur schlecht wahrgenommener, namenloser Niemand. Die Fiktion muss geradezu hermetisch aufrecht erhalten werden, sonst droht die Bodenhaftung zum Publikum verloren zu gehen und man fliegt womöglich selbst wie ein Luftgeist davon:

“I´m the queerest young fellow that ever you heard,
My mother´s a jew, my father´s a bird.

Whats bred in the bone cannot fail me to fly
and Olivet´s breezy … Goodbye now, goodbye.”

James Joyce: Ulysses. Buck Mulligan´s “The ballad of Joking Jesus“ Penguin Books S. 25

Jetzt werde ich weiter lesen, bei den Joyce´schen Rindern am Ufer der Seine stecke ich gerade, wo der Teufel Prada trägt oder ein Schiff danach benennt. Wie alle Leser, kann auch ich nur durch m e i n Fenster der Sainte Chapelle blicken, die nicht umsonst teilweise blind wirken. Manchmal sehe ich auf das blaue Meer an der Küste der Normandie oder der Bretagne, vielleicht sogar bis nach Berlin, das auch am Meer liegen könnte. Doch der erste Schritt wird immer sein, sich für eine Weile selbst zu vergessen, damit wir hinter unserem eigenen Spiegelbild den erschöpften Engel auf dem Friedhof in Rom sehen, der wir alle sind.

Andere Rezensionen:
Gleisbauarbeiten: Das Licht, ein Meer. Über Alban Nikolai Herbsts Reise-Erzählung: Die Fenster von Sainte Chapelle.

Zum Autor:
HERBST & DETERS FIKTIONÄRE
DIE DSCHUNGEL. ANDERSWELT
LITERATURPORT mit Hörprobe aus dem Romanmanuskript ARGO.ANDERSWELT

Alban_Nikolai_He_4d19feb9d2349

Advertisements